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Entsparen mit dem Shiller CAPE – Entnahmestrategien Teil 6

Entsparen mit dem Shiller CAPE – Entnahmestrategien Teil 6

Dies ist der sechste Teil meiner Serie Von den Zinsen leben – Entnahmestrategien unter der Lupe. Hier geht’s lang zum ersten Teil und zur Übersicht.

Im letzten Teil der Artikelserie haben wir dynamische Entnahmeregeln kennengelernt.
Diese versuchen, die Vorteile einer konstanten Entnahme mit denen einer prozentualen Entnahme zu vereinen: Möglichst gleichbleibende Entnahmebeträge auf der einen Seite – und höhere  Entnahmen und niedrigeres Bankrottrisiko auf der anderen. Dafür nehmen sie gewisse Schwankungen der Entnahmebeträge in Kauf.

Einige dieser Mischstrategien haben wir im letzten Artikel schon genauer begutachtet.
Doch es gibt noch eine Gattung dynamischer Entnahmestrategien, die so mächtig und faszinierend sind, dass sie einen eigenen Artikel verdienen: Die CAPE-Entnahmeregeln.

Was macht die CAPE-Regeln so besonders?

Eine Entnahmeregel ist im Prinzip eine Formel, die für jedes Jahr der Entnahmephase einen Entnahmebetrag berechnet. Dafür besitzt sie eine oder mehrere Eingangsgrößen und Parameter. Je mehr unabhängige Faktoren die Formel dabei berücksichtigt, desto präziser und robuster wird sie im Regelfall.

Die konstante Entnahme, die William Bengen und die Trinity-Studie nutzen, ist noch eine ziemlich plumpe Regel. Sie kennt nur die initiale Entnahmerate als einzige Eingangsgröße (und vielleicht noch die Inflation). Mit der konstanten Entnahme entnimmt man jedes Jahr stur der gleiche Geldbetrag aus dem Portfolio, unabhängig vom Aktienmarkt oder der persönlichen Lebenssituation.

Dynamische Entnahmen sind schon etwas cleverer. Sie berücksichtigen zusätzlich zur initialen Entnahmerate auch den aktuellen Portfoliowert bei der Berechnung des Entnahmebetrags. Auf diese Weise passen sich die Entnahmen besser an bessere oder schlechtere Börsenphasen an.

Bei den CAPE-Entnahmeregeln fügen wir nun noch einen dritten Faktor hinzu: Das aktuelle Bewertungsniveau des Aktienmarkts.

Was genau ist das CAPE?

Die Abkürzung CAPE steht für Cyclically Adjusted Price-to-Earnings Ratio – auf Deutsch: Zyklisch bereinigtes Kurs-Gewinn-Verhältnis. Keine Angst, es ist gar nicht so kompliziert wie es sich anhört.

Das CAPE ist eine Kennzahl dafür, wie hoch oder niedrig Aktien gerade bewertet sind. Oder anders ausgedrückt: Ob Aktien eher teuer oder eher billig zu kaufen sind, gemessen an dem von den Aktienunternehmen erzeugten Gewinn.

Das CAPE ist dabei definiert als:

Der aktuelle Aktienkurs
geteilt durch
den 10-Jahres-Durchschnitt des inflationsbereinigten Unternehmensgewinns pro Aktie.

Einige kennen vielleicht schon das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) als Bewertungs-Kennzahl für Aktien. Das KGV ist definiert als der Aktienkurs geteilt durch den aktuellen Gewinn pro Aktie.
Das CAPE ist fast das gleiche, mit einem kleinen Unterschied. Da Unternehmensgewinne von Jahr zu Jahr stark schwanken können, basiert das CAPE nicht nur auf dem zuletzt gemeldeten Unternehmensgewinn, sondern dem gleitenden Durchschnitt der letzten 10 Jahre. Das glättet die starken Schwankungen und man erhält eine aussagekräftigere Kennzahl.

Steht der Aktienkurs im Vergleich zum Gewinn hoch, so zahlt man verhältnismäßig viel Geld für den Unternehmensgewinn, den man im Tausch erhält. Bei hohem CAPE sind Aktien somit eher teuer. Bei niedrigem CAPE bekommt man viel Unternehmsgewinn für vergleichsweise wenig Geld – Aktien sind tendenziell billig.

Erfunden wurde das CAPE vom amerikanischen Kapitalmarktforscher und Nobelpreisträger Robert Shiller. Darum wird das CAPE manchmal auch Shiller-KGV genannt. Andere Quellen nutzen die Bezeichnung PE10 oder P/E10 – abgeleitet von der englischen Bezeichnung für KGV (Price-to-Earnings Ratio oder P/E) und dem gleitenden 10-Jahres-Durchschnitt. Alle drei Begriffe bezeichnen aber die gleiche Kennzahl.

Das CAPE in der Praxis

Meistens wird das CAPE nicht für einzelne Aktien berechnet, sondern für ganze Aktienindizes und -märkte.
Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung des CAPE für den amerikanischen Aktienindex S&P 500 zwischen 1871 und heute:

Shiller CAPE PE10 S&P 500 1871 bis 2019
Shiller P/E-Verhältnis für den S&P 500, 1871 bis Februar 2019. multpl. (Quelle: http://www.multpl.com/shiller-pe/)

Im langfristigen Zeitverlauf schwankt das CAPE um einen Durchschnittswert von ungefähr 16. Das heißt, bei einem CAPE von über 16 ist der Aktienmarkt eher hoch bewertet. Bei einem CAPE von weniger als 16 ist der Markt eher niedrig bewertet.

Historische Spitzenwerte erreichte das CAPE vor allem während der großen Spekulationsblasen. Dort wurden die Aktienpreise von Spekulanten in die Höhe getrieben und standen in keinem fairen Verhältnis mehr zu den erwirtschafteten Unternehmensgewinnen. Den Rekordwert von fast 45 knackte das amerikanische CAPE auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase im Jahr 2000.

Auch heute befindet sich der US-Aktienmarkt in einer Phase relativ hoher Bewertungen, bei einem CAPE von etwa 25 bis 30 (abhängig vom betrachteten Index).

Allerdings unterscheiden sich die Bewertungen der Aktienmärkte einzelner Länder teilweise deutlich voneinander. Eine sehr gute Übersicht über die CAPEs einzelner Länder und Märkte bietet die Website der deutschen Firma StarCapital:

StarCapital Shiller CAPE PE10 Welt Länder
CAPE, weltweite Übersicht. StarCapital. (Quelle: https://www.starcapital.de/de/kapitalmarktforschung/aktienmarktbewertungen/)

Am unteren Ende der Skala rangieren zurzeit Russland und die Türkei mit niedrigen CAPEs von 6,4 und 7,8.
Am oberen Ende befinden sich die USA mit 26,8 und die Spitzenreiter Dänemark (30,0) und Irland (42,4). Deutschland liegt mit einem CAPE von 16,4 im Mittelfeld.

Global beträgt das Durchschnitts-CAPE etwa 21,1. Dabei liegen die Industrieländer bei  22,2 und die Schwellenländer bei 14,5. Europas CAPE beträgt im Augenblick rund 16,4.

Warum ist das CAPE für uns so interessant?

Wir können nun also einschätzen, ob Aktien eher hoch oder eher niedrig bewertet sind. Was aber nützt uns das Ganze?

Langfristig entwickeln sich Aktienkurse immer parallel zu den Unternehmensgewinnen. Das ist auch ganz logisch, denn die Beteiligung an den Gewinnen des Unternehmens ist ja genau das, was ein Investor als Gegenwert beim Kauf einer Aktie erhält.

Allerdings können die Kurse dabei stark schwanken und sich auch mal eine Zeit lang vom Unternehmensgewinn abkoppeln. Langfristig kehren sie aber immer wieder zu ihrer Basislinie (den Unternehmensgewinnen) zurück. In der Fachsprache nennt sich das Mean Reversion, die Rückkehr zum Durchschnitt.

Das CAPE ist ein Indikator dafür, wie weit sich die Kurse gerade nach oben oder unten von den Unternehmensgewinnen entfernt haben. Daher besitzt das CAPE – wie Robert Shiller auch nachweisen konnte – eine gewisse Vorhersagekraft für den Aktienmarkt. Zumindest war das in den letzten 150 Jahren bisher der Fall.

Mit dem CAPE kann man Aussagen über Wahrscheinlichkeiten treffen, wie etwa diese hier:
Liegt das aktuelle CAPE über seinem langfristigen Durchschnitt, liegt die Rendite in den kommenden 10 Jahren mit höherer Wahrscheinlichkeit unter ihrem langfristigen Durchschnitt.

Umgekehrt gilt: Ist das aktuelle CAPE eher niedrig, liegen die Renditen der nächsten 10 Jahre tendenziell über ihrem historischen Schnitt.

Die Betonung liegt dabei auf höhere Wahrscheinlichkeit und tendenziell. Ein CAPE von 35 bedeutet nicht, dass morgen der Crash kommt – oder dass es überhaupt einen geben wird. Glaskugeln gibt es nach wie vor keine und niemand kann die Börsenkurse der Zukunft sicher vorhersagen.

Aber bei einem CAPE von 25 sollten wir damit rechnen, dass der MSCI World in den nächsten zehn Jahren im Schnitt nur 3 % jährliche Rendite liefert, auch wenn der historische Schnitt bei über 6 % liegt. Bei hohem CAPE sind niedrigere Renditen eben wahrscheinlicher.

Die perfekte Kennzahl für eine Entnahmeregel

Erinnert ihr euch noch an den Beitrag über das Sequence-of-Returns-Risiko? Dort haben wir festgestellt: Das Überleben eines Portfolios hängt vor allem davon ab, wie die Renditen in den ersten 10 Jahren der Entnahmephase ausfallen.
Läuft es in dieser Zeit gut, endet man in vielen Fällen mit einem größeren Vermögen als zu Anfang. Geht die Börse in diesem Zeitraum jedoch baden, kann das Portfolio schnell innerhalb von wenigen Jahren verbraucht werden.

Moment mal, wie war das…? Renditen in den ersten 10 Jahren der Entnahmephase?
Mit Hilfe des CAPE können wir doch für genau diesen Zeitraum die Wahrscheinlichkeit für gute oder schlechte Renditen abschätzen. Wäre das nicht das perfekte Werkzeug, um dem Sequence-of-Returns-Risiko entgegenzutreten?

Zum Beispiel könnten wir die folgende simple Entnahmeregel stricken.
Wir beginnen mit einer ganz normalen konstante Entnahme, bei einer initialen Entnahmerate von 4 %.
Zusätzlich koppeln wir die Entnahmerate aber an das aktuelle CAPE. Ist das CAPE zu Beginn der Entnahmephase hoch, steigt auch die Wahrscheinlichkeit niedriger Renditen in den folgenden 10 Jahren und damit das Bankrottrisiko. Um dem entgegen zu wirken, reduzieren wir die initiale Entnahmerate auf 3,5 %. Ist das CAPE jedoch niedrig, setzen wir eine höhere initiale Entnahmerate von 4,5 % an.

Die 4 %-Regel ist nur die halbe Wahrheit

Führen wir diesen Gedanken weiter, kommen wir zu einer überraschenden Erkenntnis.
Der „optimale“ Zeitpunkt, um mit einem Aktienportfolio in Rente gehen zu können, hängt nicht alleine von der Höhe des angesparten Vermögens ab. Auch die aktuelle Bewertung des Aktienmarktes spielt dabei eine Rolle.

Unsere grobe Faustformel, um den Kapitalbedarf für die finanzielle Unabhängigkeit abzuschätzen, ist die 4 %-Regel.
Die Regel besagt, dass ich ungefähr das 25-fache meiner jährlichen Ausgaben an investiertem Kapital benötige, um bis zu meinem Lebensende von meinem Vermögen leben zu können. Gebe ich zum Beispiel 20.000 € im Jahr aus, muss ich rund 500.000 € ansparen und investieren, um in Rente gehen zu können.

Nun wissen wir allerdings: Mit einem Kapital von 500.000 € in Rente zu gehen ist deutlich risikoreicher, wenn das CAPE des Aktienmarktes gerade bei 35 liegt, als bei einem CAPE von 8.

Wie viel risikoreicher, das zeigt die folgende Grafik von Karsten vom amerikanischen FIRE-Blog EarlyRetirementNow.
Die Linien zeigen die Überlebenswahrscheinlichkeit eines Portfolios über einen Zeitraum von 60 Jahren und einer konstanten 4 %-Entnahme, bei jeweils unterschiedlichen CAPE-Werten zu Beginn der Entnahme. Die vertikale Achse gibt die Überlebenswahrscheinlichkeit an. Auf der horizontalen Achse sind verschiedene Aktienanteile des Portfolios (von 0 bis 100 %) aufgetragen.

Wahrscheinlichkeiten für verschiedene CAPE-Werte, 4 % SWR
Überlebenswahrscheinlichkeit bei 4 % sicherer Entnahmerate für verschiedene Aktienanteile (x-Achse) und unterschiedliche CAPE-Regime. 60 Jahre Zeithorizont, Restvermögen 0 %.
EarlyRetirementNow. (Quelle: https://earlyretirementnow.com/2016/12/21/the-ultimate-guide-to-safe-withdrawal-rates-part-3-equity-valuation/)

Lag das CAPE zu Beginn der Entnahme unter dem Durchschnitt von 15, betrug die Erfolgswahrscheinlichkeit für ein Portfolio mit 75 % Aktienanteil rund 95 % (dunkelblaue Linie).
Bei einem CAPE zwischen 20 und 30, wie wir es heute haben, betrug die Quote rund 64 % (gelbe Linie).
Lag das CAPE zu Beginn der Entnahme bei über 30, lag die Erfolgswahrscheinlichkeit nur noch bei 51 % (braune Linie).

Das zeigt uns, dass es Sinn macht, den FI-Zeitpunkt nicht nur an ein bestimmtes Zielvermögen zu knüpfen, sondern dabei auch die aktuelle Marktbewertung im Auge zu behalten.
Bei niedriger Bewertung kann man eventuell früher in Rente gehen, als es das aktuelle Vermögen suggeriert. Bei hohen Bewertungen sollte man sich jedoch nicht von einem hohen Vermögenswert blenden lassen und möglicherweise noch etwas weiter sparen.

Wie sieht eine konkrete CAPE-Entnahmeregel aus?

Kommen wir nun zum praktischen Teil. Wie kann man mit dem CAPE nun eine konkrete Entnahmeregel konstruieren?

In Büchern und wissenschaftlichen Artikeln findet sich meistens folgende Formel, um die Entnahmerate in einem gegebenen Jahr zu berechnen:

Shiller CAPE Entnahmeformel

Schauen wir uns die Formel einmal im Detail an.
Die Entnahmerate ist hier aus zwei Teilen (der a- und der b-Komponente) zusammengesetzt. Bei der a-Komponente handelt es sich um eine gewöhnliche prozentuale Entnahme, wie wir sie schon aus dem letzten Artikel kennen. Beispielsweise entnehmen wir 1 % oder 2 % des aktuellen Portfoliowertes.

Zu der a-Komponente wird nun noch die b-Komponente hinzu addiert. Diese besteht aus einem festen Multiplikator (meistens irgendwas zwischen 0,4 und 0,6), der mit dem Kehrwert des aktuellen CAPE multipliziert wird. Je höher also das CAPE ist, desto kleiner wird die b-Komponente.

Wie wirken diese beiden Komponenten zusammen?

Gibt es einen starken Aufwärtsmarkt (oder sogar eine Spekulationsblase), steigen die Aktienkurse und damit der Portfoliowert. Die a-Komponente, die ja einen prozentualen Anteil des Portfoliowerts entnimmt, führt so zu einer höheren Entnahme. Das kann jedoch gefährlich sein, wenn die Aktienkurse stärker steigen als die Unternehmensgewinne. Dann steigt auch das CAPE und das Bankrott-Risiko erhöht sich. In diesem Fall wird die b-Komponente durch das hohe CAPE jedoch kleiner und wirkt der a-Komponente entgegen.
Bei hohen Marktbewertungen holt die b-Komponente die a-Komponente quasi „auf den Boden der Tatsachen“ zurück.

In Zeiten niedriger Bewertungen ist es genau umgekehrt. Wenn etwa nach einem Aktiencrash der Portfoliowert stark geschrumpft ist, kann die a-Komponente sehr klein werden. Da sich nach einem Crash jedoch auch das CAPE verringert, gleicht die b-Komponente diesen Effekt wieder aus. Die CAPE-Komponente sagt dann gewissermaßen: Ja, dein Vermögen ist verhältnismäßig klein. Aber da die Bewertungen gerade niedrig sind und die nächsten 10 Jahre vermutlich gute Renditen liefern, kannst du trotzdem etwas mehr entnehmen.

Die Kombination aus prozentualer Entnahme und CAPE-Entnahme ist quasi das perfekte Dream-Team.
Mit der CAPE-Formel schwanken die Entnahmebeträge weniger als bei anderen dynamischen Entnahmeregeln und sacken – bei gleicher Erfolgswahrscheinlichkeit – weniger weit nach unten ab.

In seiner Artikelserie lässt Karsten die CAPE-Regel mit unterschiedlichen a- und b-Parametern gegen andere dynamische Entnahmeregeln antreten (hier und hier) und kommt zu einem ähnlichen Ergebnis.
Die folgende Grafik aus einem seiner Beiträge zeigt beispielhaft den Verlauf der Entnahmebeträge einer Portfolio-Simulation mit verschiedenen dynamischen Entnahmeregeln (die Überlebenswahrscheinlichkeit bleibt hier unberücksichtigt).

Aktuelle Entnahme bei verschiedenen dynamischen Entnahmeregeln 1957-2016
Zeitverlauf der rollierenden 12-Monats-Entnahmebeträge bei unterschiedlichen Entnahmeregeln, 1957-2016.
EarlyRetirementNow. (Quelle: https://earlyretirementnow.com/2017/03/15/the-ultimate-guide-to-safe-withdrawal-rates-part-11-criteria/)

Schön erkennt man, dass die Entnahmebeträge bei den CAPE-Regeln deutlich weniger schwanken und keine so großen Sprünge machen wie etwa die prozentuale Entnahme oder die Guyton-Klinger- (GK) und VPW-Entnahmeregeln.

Natürlich erkauft man die geringeren Schwankungen immer mit einer etwas niedrigeren Entnahmerate. Beim aktuellen globalen CAPE von 22 und einer konservativen Parameter-Konfiguration (a = 1,0 und b = 0,5) läge die aktuelle Entnahmerate bei nur 3,27 %. Im amerikanischen Aktienmarkt (bei einem CAPE von 30) würde die aktuelle Entnahmerate sogar nur 2,67 % betragen.
Allerdings erfolgt die Reduktion der Entnahmebeträge eben nicht pauschal, sondern genau dann, wenn man sie auch tatsächlich braucht: Wenn Aktien gerade teuer, die zukünftig erwartete Rendite niedrig und das Bankrott-Risiko erhöht sind.

Die CAPE-Entnahme in cFIREsim

Auch cFIREsim unterstütz die Entnahme-Simulation mit der CAPE-Entnahmeregel. Dafür wählt man unter Spending Plan die letzte Option Variable CAPE aus.

Die Einstellmöglichkeiten entsprechen den beiden Parametern der CAPE-Entnahmeformel. Der erste Wert (Cyclically Adjusted Earnings Yield Multiplier) entspricht dem b-Parameter, der zweite (Constant Adjustment) dem a-Parameter.

Variable CAPE cFIREsim

Zusätzlich erlaubt cFIREsim noch, einen Sockel- und einen Deckelbetrag festzulegen, die den Entnahmebetrag nach oben und unten begrenzen. Das funktioniert genauso wie bei der Floor-Ceiling-Entnahmeregel, die wir im letzten Artikel kennen gelernt haben.

Leider funktioniert die Auswertung bei der CAPE-Entnahme mit cFIREsim nicht optimal. Auch wenn einige Simulationsdurchläufe klar mit einem Bankrott enden, zeigt der Rechner immer eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 100 % an.
Darum finde ich die CAPE-Entnahme in cFIREsim nur begrenzt nützlich. Sie gibt einen ersten Eindruck und man kann ein wenig mit den Parametern experimentieren.
Ein wirklich gutes und leicht zu bedienendes Tool, mit dem man aussagekräftige CAPE-Entnahmen simulieren kann, muss aber wohl erst noch entwickelt werden.

Fazit

Wer ein Aktienportfolio entspart, sollte (neben anderen Faktoren) immer auch die aktuelle Marktbewertung in seinem Entnahmeplan berücksichtigen. So läuft man weniger Gefahr, sich von einem hohen Vermögenswert blenden zu lassen und unbewusst ein höheres Bankrottrisiko einzugehen. Umgekehrt kann man bei niedrigen Bewertungen mehr Geld entnehmen und auf diese Weise vielleicht früher in Rente gehen, als es der aktuelle Vermögenswert suggeriert.

Auch die Frage, ob die berühmte 4 %-Regel zu optimistisch oder zu pessimistisch ist, hängt vor allem von der gegenwärtigen Bewertung des Aktienmarktes ab.

Um die aktuelle Marktbewertung beziffern zu können, ist das CAPE das Mittel der Wahl. Entnahmeregeln, die das CAPE in die Berechnung des Entnahmebetrags einfließen lassen, sind robuster und führen zu weniger schwankenden Entnahmen.

Zusätzlich hilft das CAPE auch noch, besser mit Schwankungen an der Börse besser umgehen zu können. Wenn nach einem Börsencrash die Kurse in den Keller rauschen, sinkt damit im Regelfall auch das CAPE. Das setzt den roten Zahlen im Depot etwas Positives entgegen. Ich weiß: Ich habe zwar Verluste gemacht, aber dafür sind jetzt auch die Bewertungen niedriger und die Renditeaussichten in den nächsten Jahren besser.

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16 Gedanken zu “Entsparen mit dem Shiller CAPE – Entnahmestrategien Teil 6”

  1. Das Warten hat sich gelohnt! Verständlich geschrieben & großer Mehrwert. Dank dir, Oliver!

    Friedrich

    PS: Kannst du uns schon teasern, welche Themen in deinen nächsten Artikeln behandelt werden? 😉

    • Hallo Friedrich,
      vielen Dank, das freut mich!

      Worum es in den nächsten Artikeln gehen wird, bleibt eine Überraschung. Manchmal weiß ich es selbst noch nicht genau. 😉

  2. Hallo Oliver,

    obwohl ich noch ganz weit weg von möglichen Entnahmen stecke, hab ich trotzdem Spaß daran, mich damit mal zu beschäftigen. Der ganzen Serie gelingt dabei für mich bislang die perfekte Mischung aus Detailgrad, Verständlichkeit und „für weitere Informationen bitte hier weiterlesen“. Dieser Artikel ist keine Ausnahme – insofern vielen Dank dafür!

    Was mir hier jetzt nicht ganz klar geworden ist: Wie berechne ich (bzw. lasse berechnen) denn konkret das aktuelle CAPE, beispielsweise für einen MSCI World, einen MSCI EM o.Ä.? Oder muss ich mir die aktuellen Werte jedes Landes raussuchen und die dann mit dem Anteil in einem Index multiplizieren und aufsummieren? 😉

    Hast du dafür noch Ressourcen an der Hand?

    • Hallo esureL,

      vielen Dank! 🙂

      Genau dafür ist die Seite von StarCapital super, die ich im Artikel erwähnt und verlinkt habe (https://www.starcapital.de/de/kapitalmarktforschung/aktienmarktbewertungen/).

      Der MSCI World bildet die Aktien der größten Unternehmen aus den Industrieländern (nach Marktkapitalisierung gewichtet) ab. Das entspricht somit ungefähr dem Eintrag „Entwickelte Märkte“ in der StarCapital-Übersicht.

      StarCapital berechnet und gewichtet die Daten zwar etwas anders als MSCI die Index-Unternehmen, die Abweichungen dürften aber relativ klein sein.

      Star Capital CAPE Welt Tabelle

  3. Guter Artikel, Danke!
    Übrigens klappt das mit Einzelaktien genauso, denn wenn der Gesamtmarkt teuer ist heisst das nicht das alle Aktien darin auch teuer sind und umgedreht. Man kann die Rendite für einzelne Aktien berechnen in dem man das langfristig zu erwartende Gewinnwachstum, die Dividendenrendite und die Rückkehr zur „normalen“ Bewertung zusammenrechnet. Klappt natürlich nicht für jeden einzelnen Wert aber bei einem Portfolio von 30-40 Werten wird man damit rein statistisch schon richtig damit liegen, vorrausgesetzt die Zahlen sind halbwegs fundiert.
    Bei einer dynamischen Entnahme ist man damit sogar noch flexibler, da man statt nur einem ETF viele Aktien zur Auswahl hat und damit einfach die teuersten Aktien zuerst entsparen kann.
    Macht aber natürlich deutlich mehr Arbeit und lohnt sich erst bei hohen Anlagebeträgen.

  4. Ich habe eine viel simplere idee:
    Kaufe nur dividendenaktien, entnehme die dividende für den konsum (das werden etwa 2 -3 % des depotwertes sein) und das depot wird niemals bezogen auf die anzahl der aktien schrumpfen.
    So hast du eine ewige rente, vorausgesetzt, die firma geht nicht bankrott und sie zahlt regelmässig.
    Zusätzlich kannst du – falls die dividende nicht ausreicht – einzelne aktien
    Die im plus sind verkaufen, den gewinn konsumieren und das eingesetzte kapital aus den verkauften aktien in andere dividendenaktien reinvestieren,
    Nämlich in solche, die gerade tiefer stehen.
    So hältst du den dividendenfluss numerisch konstant und hast ein zubrot durch gewinn aus aktienverkauf.

  5. Danke für den letzten Teil.
    Wobei der Cape die Sache in der Praxis nicht einfacher macht. Für den MSCI Word habe ich im Netz auf die schnelle keinen Cape gefunden. Für den msci europe und den S+P schon. Und die liegen Meilen auseinander.
    Am Ende gibt auch die in die Zukunft prognostizierte Cape Variante auch nur eine Richtschnur, dass ob man wohl über die Runden kommen könnte mit seinem Ersparten.
    In der Realität spielt dann sicher ein anderer Aspekt eine nicht so ganz unwichtige Rolle:
    Auch wer mit im Alter von rund 60 Jahren nach gut gelaufener Ansparphase in den Ruhestand geht, wird vielleicht schon nur 10 oder 15 Jahre später nicht mehr ganz so geistig fit sein und seine Finanzen noch selbst zu durchblicken. Mit 80 wohl noch weniger.
    Da wird man nicht mehr mit aktuellen Shiller PEs hantieren und den jährliche Entnahme ausrechnen, wie ein 40jähriger machen würde. Da ist man vielleicht froh, wenn man seinen Kontoauszug noch versteht.
    Da wäre es dann toll, wenn man seinen Kindern vertrauen kann und man denen vorher alles über langfristiges Investieren und Entnehmen erklärt hat.

  6. Schoener Beitrag, Oliver!
    Kannst du erklaeren, wo die Konstanten a und b herkommen ? Irgendwelche Beziehung zu der geschaetzten jaehrlichen Ausgaben ? Vielleicht mal ein Beispiel waere hilfreich.
    Mach es weiter !

  7. Hallo Oliver,
    vielen Dank für die Darstellung, für mich als jemand er seit 20 Jahren ausschließlich in Aktien „macht“, cape, ein völlig unbekannter Begriff. Danke dafür, dass dieses neue Stichwort inkl. Erläuterung in meinem Gedankengebäude nun vorkommt.
    Nach einem Tag darüber nachdenken ist mein (vorläufiges) Einschätzung zwiegespalten. Ein Cape-Langfrist-KGV für die Asset-Klasse Aktie scheint eine wertvolle Zusatzinformation zu sein.
    Die Frage jedoch für was genau in der Aktienwelt: Hier im Artikel bezieht sich das cape auf Aktienmärkte bzw. deren Indizes, und einer Bewertung/Erhöhung von Wahrscheinlichkeiten was die Zukunft wohl bringen wird.

    Seit vielen Jahren bin ich ausschließlich in Einzeltiteln investiert. Ich habe keinerlei ETFs oder Fondssparpläne…,whatever. So kann ich aber eindeutig festhalten, ohne es im Detail (statistisch) begründen zu können, dass die wertbezogene Entwicklung von Märkte oder deren INdizes immer eine Dämfung von Einzelentwicklungen sind . Einzelentwicklungen von Aktien aber auch von Sektoren innerhalb eier Gesamtwirtschaft/Aktienmarkt werden nicht einzeln dargestellt.
    Das scheint mir aber wichtig, denn ein Index mittelt gute und schlechte Entwicklungen innerhalb eines Marktes.
    Ich kann mich noch gut an den Börsencrash um die Jahrtausendewende erinnern. Gesamtdepot irgendwie minus 50 %. Einige Aktien waren bei minus 80 (Tech), andere fast konstant (Konsum/Pharma).
    Es lohnt daher ein näherer Blick auf die Aktien/Branchen die im crash oder auch besten Börsenzeiten wie hoch oder niedrig performen.
    Das lehrt mir zwei Dinge:
    1.) ETFs auf breit gefasste Indizes mitteln die Gesamtperformance aller im Index vertretener Aktien. Hier eine Entnahmestrategie zu entwickeln schränkt daher ein, wie der Text von Ihnen zeigt. Ich muss meine Entnahmerate zwangsläufig anpassen, gleichwohl auch nur minimal wie Sie schreiben.
    2.) Es scheint daher sinnvoll:
    a.) nur einen Teil in ETFs zu stecken um auf der anderen Seite ggf. überdurchschnttlich gute Einzelaktien oder Sektoren im Index gezielter zu enstparen.
    b.) Die Cape – Thematik auch parallel für einzelne Sektoren und ggf. Einzelaktien anzuschauen, wo gerade welche Entnahme sinnvoll scheint; folglich das Spektrum von Entnahmemöglichkeiten verbreitern.

    Als Aufgabe steht jetzt also, wenn ich mal so frei sein darf:
    Wie entwickeln sich einzelne cape’s von Gesamtmärkten im Vergleich zu einzelnen Sektoren oder Einzelaktien. Sind hier zeitlich versetzte Entwicklungen oder Muster zu beobachten und kann man sich die Ergebnisse, wenn es sie denn gibt, bei einer Entnahmestrategie zu Nutze machen.
    Gruß und in 2020 dann Absprung.

  8. Hey Oliver,

    wirklich ein schöner Artikel.

    In meinem Job versuche ich auch oft aus der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen. Es hat sich gezeigt, dass grundsätzlich das hier gezeigte Verfahren sehr sinnvoll ist, nämlich „Nicht nur auf die jüngste Vergangenheit (KGV) schauen, sondern auch noch weiter zurückschauen (CAPE)“. So wird das Ergebnis stabiler.

    Anhand der Erfahrung aus meinem Job weiß ich, dass man die Werte der jüngsten Vergangenheit oft etwas höher gewichten sollte, als die Werte aus der alten Vergangenheit. In Trainingsmodellen bedeutet das also, dass zwar die Werte der letzten 10 Jahre eingehen, aber nicht jedes Jahr mit 1/10 Gewicht gleichgewichtet. Stattdessen kann man beispielsweise das aktuellste Jahr vielleicht mit 25/100 gewichten, das zweit-aktuellste Jahr mit 15/100 […] und das älteste Jahr nur mit 5/100 und alles dazwischen irgendwie angemessen auffüllen.

    So spielen die aktuellen Daten eine größere Rolle, da sie eben näher am „jetzt“ liegen, durch Hinzuziehen der älteren Daten vermindert man aber dennoch, sich von kurzfristigen Schwankungen blenden zu lassen.

    Denkst du, so ein Ansatz könnte auch das CAPE-Verfahren aufpeppen?

  9. Hallo Oliver, ich freue mich auf jeden neuen Beitrag hier, besonders wenn er so viel Mehrwert bietet wie dieser hier.
    Im aktuellen Beitrag geht es zwar um ENTNAHMEstrategien, aber spielt das CAPE nicht auch für den Vermögensaufbau eine Rolle? Sprich, ist es bei einem aktuellen CAPE von fast 24 überhaupt gut, einen großen Teil seines Geldes in den MSCI World zu investieren? Klar, über einen Crash sagt es wenig aus, aber wenn die Rendite die nächsten 10 Jahren nur bei 3 % liegt, wirft das die frugalistische Lebensplanung auch schon durcheinander.
    Die Entwicklungsmärkte stehen mit 15.5 deutlich besser da. Man könnte dazu tendieren, diesen ETF-Anteil zu erhöhen.
    Die Frage ist allerdings, ob das im Artikel erwähnte durchschnittliche CAPE von 16 für alle Märkte gilt oder nur für die USA? Gibt es dazu Daten?

  10. Oliver, ich sehe noch nicht ganz, wie sich das ganze in der Praxis umsetzen läßt. Ich mache mal einen Versuch:

    Das Portfolio besteht ja in der Entsparphase opimal aus so ca 25 -30% risikoarmen Anteil.
    Der Rest setzt sich dann zu in unterschiedlicher Gewichtung aus ETF zusammen. Vereinfacht mal angenommen msci acwi (70%) und msci em (30%). Jetzt brauche ich aber für die Entnahmen ein Cape und nicht zwei. Ich könnte also (0,3 x 15,5 und 0,7 x 22,7 ) / 2 meinen Durchschnittscape ermitteln. Diesen Cape setze ich dann in die Entnahmeformel ein und bekomme den Entnahmevorschlag für das Jahr. Jetzt muß ich „nur“ noch Entscheiden, aus welchen der Vermögensbestandteilen ich wieviel entnehme. Wesentlich dafür ist dann, dass ich mit der Entnahmen das Rebalancing steuere.
    Der „gewichtete“ Cape Durchschnitt macht doch aber die Umsetzung der Cape Idee wieder etwas kaputt?

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