Kaufst du noch oder denkst du schon? Eine Lektion im frugalistischen Problemlösen

Flickzeug

Seit rund fünf Monaten arbeite ich nun schon in meinem Job als Softwareentwickler und fahre nach wie vor jeden Tag mit dem Zug und mit dem Fahrrad zur Arbeit: Erst zweieinhalb Kilometer bis zum Bahnhof, dann zwischen 10 und 15 Minuten mit dem Zug und anschließend noch einmal elf Kilometer mit dem Rad. Ganz besonders der längere der beiden Fahrradwege hat mir in dieser Zeit allerdings so einiges an Kopfzerbrechen bereitet. Auf der Strecke zwischen Stafford und Stone wachsen nämlich zahlreiche Dornenhecken am Wegrand, deren abgebrochenen und auf dem Weg herumliegenden Zweige von Fahrradreifen offenbar magisch angezogen werden. So hatte ich alleine während meiner ersten drei Monate im neuen Job ganze zehn Reifenpannen – so viele wie zuvor in meinem ganzen Leben zusammen nicht.

Den ersten Dorn fing ich mir gleich in meiner zweiten Arbeitswoche ein. Ich kam abends aus dem Büro und fand mein Fahrrad mit einem platten Vorderrad im Fahrradständer. Was tun? Ich nahm die Pumpe zur Hand, die ich in weiser Voraussicht immer in meinem Rucksack dabei habe, pumpte den platten Reifen noch einmal stramm auf und fuhr in der Hoffnung los, das elf Kilometer entfernte Stafford zu erreichen, bevor dem Rad erneut die Luft ausging. Leider hielt die Hoffnung nur die ersten drei Kilometer, dann war der Reifen wieder platt. Ich versuchte ihn noch einmal aufzupumpen, aber es war nichts mehr zu machen und ich musste das Fahrrad den Rest der Strecke schieben. Bei einem auf dem Weg liegenden Fahrradladen besorgte ich dann noch schnell Flickzeug und kam gegen neun Uhr abends endlich zu Hause an, wo es dann aber erst richtig an die Arbeit ging. Ich baute das Rad aus, fummelte den defekten Schlauch heraus und versuchte, das Loch ausfindig zu machen. Schließlich fand ich gleich zwei Löcher und flickte sie, der Schlauch hielt aber weiterhin keine Luft. Erst als ich ihn noch einmal aufpumpte und in eine Schüssel mit Wasser legte, bemerkte ich die vielen kleinen Luftblasen, die sich überall rund um den gesamten Schlauch bildeten: Während ich das Rad nach Stafford geschoben hatte, hatte sich der lose aufliegende Mantel einmal komplett um das Rad bewegt und der im Reifen steckenden Dorn den Schlauch rings herum perforiert. Der war damit nicht mehr zu retten und ich musste einen neuen Schlauch einsetzen, den ich zum Glück von einer früheren Flickaktion noch auf Lager hatte. Der Abend war dank dieser Panne jedenfalls komplett gelaufen und ich fiel irgendwann nach Mitternacht nur noch todmüde ins Bett.
Nagut, so etwas passiert einem höchstens ein paar Mal im Leben, dachte ich mir. Aber Pustekuchen, denn schon wenige Tage später fand ich mein Rad nach der Arbeit wieder mit einem platten Reifen vor. Und gleich in der selben Woche noch ein weiteres Mal. Zwar hatte ich mittlerweile Flickzeug dabei und kam auch nicht mehr auf die fragwürdige Idee, die Heimfahrt mit einem defektem Schlauch antreten zu wollen, allerdings raubte mir jede Reparatur immer wieder den ganzen Abend meiner ohnehin schon knappen Freizeit. So konnte es nicht weiter gehen. Ich hatte ein echtes Problem, das irgendwie gelöst werden musste. Was konnte ich tun?

weiterlesen

1000 Kilometer mit dem Fahrrad zur Arbeit

Der Fahrradstand auf meiner Arbeit

Das da oben auf dem Bild ist der Fahrradstellplatz meiner Firma und der blaue Flitzer ganz links ist mein Fahrrad, mit dem ich jeden Morgen zur Arbeit fahre. Angesichts der überschaubaren Anzahl an Fahrrädern könnte man glatt denken, dass ich in einem kleinen Familienbetrieb arbeite. Aber weit gefehlt: mein Betrieb beschäftigt mehr als einhundert Menschen, von denen die meisten mit dem Auto zur Arbeit kommen, wie der meist rappelvolle firmeneigenen Auto-Parkplatz verrät.

Der Parkplatz auf meiner Arbeit

Alles klar: Meine Arbeit liegt ganz offensichtlich auf dem Gipfel eines schwer zugänglichen Bergs und ist nur über eine steile und hunderte Meilen lange Gebirgsstraße erreichbar. Und die wenigen Fahrradfahrer sind diejenigen, die das Glück haben, kurz unterhalb des Gipfels zu wohnen. Nein, wieder daneben. Tatsächlich befindet sich meine Arbeitsstelle in Stone, einer beschaulichen kleinen Ortschaft mit guter Verkehrsanbindung inmitten der eher wenig bergigen englischen Landschaft. Und wie ich in Gesprächen mit meinen Kollegen mitbekommen habe, wohnt der größte Teil der Belegschaft auch keinen Hundert-Meilen-Ritt entfernt, sondern entweder direkt in Stone oder in den etwa zwölf Kilometer entfernten Orten Stafford und Stoke-on-Trent. Wie aber kann es dann sein, dass 95 Prozent meiner Kollegen mit dem Auto zur Arbeit fahren, obwohl sie kaum weiter als einen Steinwurf entfernt wohnen? Ich habe dafür nur eine Erklärung: Auf dem Weg müssen gefährliche Tiere, Banditen oder Zombies in den Büschen lauern. Denn warum sonst sollten vernünftige Menschen mit zwei gesunden Beinen lieber gelangweilt in einem gigantischen motorisierten Rollstuhl herumsitzen wollen und Benzin und Geld dafür verfeuern, sich vollautomatisch bis vor den Firmeneingang karren zu lassen, statt den Arbeitsweg mit einer entspannten Fahrradtour an der frischen Luft zu verbinden?

weiterlesen