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Noch so ein High-Income-Pseudo-Frugalist

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Vorweg: Vorsicht, hier kommt also noch so ein Pseudo-Frugalist mit hohem Einkommen und irrationalen Ängsten.

Das Thema finanzielle Freiheit beschäftigt mich aus den üblichen Gründen seit rund drei Jahren. Die Lebenspartnerin ist inzwischen mit an Bord und hat ihre Sparquote von ehemals 0,0 in kürzester Zeit auf locker 60 % hochgepumpt - das ganze sogar noch mit deutlich Luft nach oben. Wenn wir noch ein, zwei Haken schlagen, müssten wir die Sparquote auf 80 % erhöhen können.

Das gemeinsame Haushaltsnettoeinkommen liegt bei rund 180 k€ p.a. - wir sind beide Ende 40 und hatten wohl eine größere Portion Glück, als Angestellte in solche Gehaltsdimensionen vorzustoßen. Ehrlicherweise ist der Zenit aber überschritten. Die Boni sind rückläufig, die Festgehälter stagnieren. Hier und da wähne ich mich in einem beruflichen Stellungskrieg. Stalingrad im Spätherbst, quasi. Wobei das natürlich sehr subjektiv ist und insbesondere das von mir weidlich genutzte Home Office das ganze doch auch wieder relativiert.

In Vorbereitung auf die finanzielle Unabhängigkeit haben wir uns schon mal unseres Hauses entledigt und unsere Depots auf insgesamt rund 1,5 Mio hochgeschummelt. Alles in allem also ganz gute Voraussetzungen, optimistisch in die Zukunft zu schauen.

Hürden, die es noch zu überwinden gilt, bevor wir im gemeinsamen Wohnmobil der Nachbarschaft zum Abschied freundlich hupen:

  1. Zwei Kinder, die noch rund drei Jahre Betreuung brauchen.
  2. Meine mentale Sperre, mich von monatlichen Gehaltseingängen zu verabschieden, die sich auch ohne Bonus oder Gehaltssteigerungen bis zum 67. Lebensjahr auf einen Mörderbetrag summieren würden.
  3. Meine mentale Sperre, nach 20+ Jahren Arbeit im selben Großkonzern, diesen eventuell ohne Abfindung zu verlassen.
  4. Meine mentale Sperre, mich für sagen wir mal 300 k€ brutto abfinden zu lassen und das mehr oder oder weniger auf einen Schlag versteuern zu müssen.
  5. Leichte Fragezeichen nach dem danach - ist man am Ende doch bloß eine Hamsterseele, die ohne Routine eingeht?
  6. Meine Überzeugungen zu Entnahmeraten und erforderlichen Depotgrößen wechsele ich vermutlich öfter als meine Socken

Vielleicht noch zum Geldbedarf und generellen Lifesytle: wir sind durch mit allen Statussymbolen, wohnen inzwischen zur Miete in einer Hartz4-Kolonie und schlurfen privat in alten Crocs und Jogginghosen durch die Gegend. Ein paar Bücher, verbissen geführte Tischtennisschlachten und gelegentliche Fluchten im Wohnmobil reichen uns an Lebensqualität.

Mehr noch: ich finde es großartig, deutlich unter seinen Möglichkeiten zu bleiben, gegen den Strom zu schwimmen und bei Freunden für absolutes Unverständnis und Stirnrunzeln zu sorgen.

Fazit: Hürde Nummer 1, die Kinder, geben mir noch ein bisschen Zeit, die Hürden 2 bis 6 zu überdenken. Blöderweise stresst mich das ganze aber: so kurz vor dem Ziel bin ich maximal ungeduldig.

 

Hallo Watzefak,

ich musste bei dem Titel und der Einleitung schon schmunzeln 😎 . Dieses "Frugalisten Forum" scheint sich immer mehr als Plattform von Besserverdiener zu entwickeln die matured und vom Arbeitsleben sowohl monitär aber vor allem emotional übersättigt sind?

Von meiner Seite hast du das OK zur Bleibeberechtigung 😉 . Zudem tut es gut zu lesen, das andere "Erfolgreiche" im Konzern gleiche Schmerzen haben. Hier im Umfeld bei der Arbeit frage ich mich oft o die alle so gut schauspielern (wie ich auch?) oder genauso unterwegs sind 😀

Ich bin der festen Meinung dass für Ehrgeizler wie euch die es recht weit gebracht haben die Aufmerksamkeitsspanne und das (unreflektierte?) Durchhalten geringer ausgeprägt ist. Ich kann dich mit ähnlicher Biographie jedenfalls sehr gut nachvollziehen. Auf  Details eurer Geldansammlung will ich gar nicht näher eingehen, den dies ist nicht der zentrale Punkt. Solltest du hierzu erweitere Fragen zu weiteren Meinungen haben  wirst du Details zu eurer Asset Allocation aufzeigen und Fragen stellen.

Was ich bei euch sehe:

  • Es ist eine Achtsamkeitsübung (Auf sich hören im hier und jetzt/weniger Kopf mehr Gefühl)
  • Das was sich in einem ändert anzunehmen und zulassen können
  • Zöpfe die bislang getragen haben und gut im Sinne von erfolgreich waren abzuschneiden
  • Genau hinzuschauen wo es rational sinnvoll ist im alten Muster (Job) zu bleiben und wo es nur vorgeschoben ist um sich Argumente zu liefern nichts verändern zu müssen, oder die Entscheidung noch aufzuschieben. Konkret: Sind die Kinder wirklich der Grund noch bleiben zu müssen?
  • Den Bezug zum Geld ändern: Es geht dann nicht mehr darum dass du dem Geld dienst, sondern das Geld dient jetzt dir und muss auch nicht immer mehr werden
  • Die Ansprüche an die AV nicht unterschätzen und berücksichtigen
  • Wenn noch nicht gemacht unbedingt ein Haushaltsbuch führen und das über mindestens ein Kalenderjahr. Das ist erhellend und gibt Sicherheit auf der Ausgabenseite
  • Stolz auf das sein was ihr bislang geleistet habt und dies anerkennen. Es ist kein Selbstverständnis aber auch keine glückliche Fügung. Es war euer Weg und eure Erfolge deren Früchte ihr nun ernten dürft.

Mit dem Hausverkauf habt ihr nach meiner Meinung schon mal ein riesen Schritt gemacht. Da seid ihr mir mental und in der Umsetzung einen Schritt voraus. Ich selbst muss für mich noch herausfinden wie ich künftig leben will und welchen Anteil das Haus daran hat. Was sagen eure Kinder zu dem Schritt des Hausverkaufes? Wie alt sind die? Was meinst du mit 3 Jahren Betreuung? Sind sie dann Erwachsen im Sinne von für sich selbst sorgen können?

Wegen der Abfindung: Jetzt kenne ich euren Konzern(e) nicht, aber in meinem gibt es immer wieder Pakete und Wege eines zum Abschied zu nehmen. Das will ich schon tun. Das mit der Besteuerung ist nicht so schlimm. Auszahlung im Jahr nach dem Ausscheiden, Deferred Compensation Umwandlung und 5tel Regelung mildern enorm.

Grundlegend bin ich der Meinung dass es notwendig ist in jungen Jahren ein bisschen Gas zu geben um im normalen Verlauf des Alters sich die Freiheiten erlauben zu können dem Arbeitsleben Adieu zu sagen. Auch bin ich der Meinung dass in einem Konzern typischerweise spätestens ab 50 der Genznutzen der eigenen Arbeitsleistung erreicht ist. Genau wie du es auch beschrieben hast.

Wunderbar lakonisch von dem Guten Albert beschrieben. Für die Ungeduldigen ab Min. 8:30.

https://www.finanzwesir.com/blog/hamsterrad-finanzwesir-rockt-folge44

Viel Spaß hier weiterhin und gute Entscheidungen

 

Hallo!

Danke für deinen Kommentar. Wegen des Forums für Besserverdiener: kann mir schon vorstellen, dass Normalverdiener ernsthaft genervt sind von solchen "Habe jetzt knapp zwei Mios würde mich mit 3 Mios aber sicherer fühlen"-Kandidaten.

Konkret: Sind die Kinder wirklich der Grund noch bleiben zu müssen?

Naja. Bleiben im Sinne von wir können noch nicht physisch abhauen und uns die Welt angucken. Und wenn man eh noch ortsgebunden ist, viel Home Office hat und irgendwann mal seinen Stundenlohn ausgerechnet hat, wäre es vermeintlich ganz schön doof, die Kohle nicht noch mitzunehmen. Wobei ich zu jeder Zeit ambivalent bin und x-fach den Seelenfrieden nach dem beruflichen Abgang gegenrechne - nur ist das Ergebnis immer ein anderes.

Mit dem Hausverkauf habt ihr nach meiner Meinung schon mal ein riesen Schritt gemacht. Da seid ihr mir mental und in der Umsetzung einen Schritt voraus. Ich selbst muss für mich noch herausfinden wie ich künftig leben will und welchen Anteil das Haus daran hat. Was sagen eure Kinder zu dem Schritt des Hausverkaufes? Wie alt sind die? Was meinst du mit 3 Jahren Betreuung? Sind sie dann Erwachsen im Sinne von für sich selbst sorgen können?

Der Hausverkauf war auch in meiner Wahrnehmung ein Riesenschritt und hat durchaus seine Zeit und mehrere Anläufe gebraucht, weil das unterm Strich doch gegen alle tradierten Vorstellungen läuft. Die entscheidenen Faktoren für uns: die Bausubstanz war mies, die Wohnfläche war zu üppig, die Erhaltungsmaßnahmen haben in ihrer Unkalkulierbarkeit genervt, die aktuellen Immobilienpreise und der "Boost" fürs Depot waren sehr verlockend.

Die Kinder waren einverstanden. Die neue Wohnung liegt verkehrstechnisch ganz gut zur aktuellen Schule und soll mal Teil des elterlichen Unterhalts im Rahmen der Ausbildung werden. Bus fährt vor der Tür und bringt die Kinder später mal sehr komfortabel und schnell zu einer vernünftigen Universität. Die Kinder hätten später also quasi sowas wie ein kostenloses WG-Zimmer. Sollten sie nicht oder woanders studieren: die Wohnung soll WG-Charakter haben. Dann könnte man also ein Zimmer vermieten und ein Teil des Unterhalts finanzieren. Wir als Paar hätten selber nur ein Zimmer, damit eine kostengünstige Homebase, viel Flexibilität und eine gewisse "Lebendigkeit" als Präventionsmaßnahme gegen Altersstarrsinn und Einigelei. So der Plan.

Wegen der Abfindung: Jetzt kenne ich euren Konzern(e) nicht, aber in meinem gibt es immer wieder Pakete und Wege eines zum Abschied zu nehmen. Das will ich schon tun. Das mit der Besteuerung ist nicht so schlimm. Auszahlung im Jahr nach dem Ausscheiden, Deferred Compensation Umwandlung und 5tel Regelung mildern enorm.

Noch so ein Ding: der Arbeitgeber kommt mit den üblichen Abfindungen meiner Meinung nach viel zu günstig davon. In der Annahme, dass man so Anfang 50 ist und ordentlich verdient: bis zur Rente kommen da für den Arbeitgeber locker noch 3 Mio an Kosten zusammen (inkl. Sozialabgaben, Miete usw.). Auf der anderen Seite schnürt man sehr ordentliche Pakete für Kollegen ab 58 - da ist man dann irrsinnig großzügig und bietet bis zu 90 % des Nettogehalts an. Die Abfindungskluft in der Altersspanne von 50 bis 58 ist irrsinnig groß, zumal die Annahme, dass mit Anfang 50 einfach noch mal wo anders beruflich durchstartet eher naiv anmutet.

Viel Spaß hier weiterhin und gute Entscheidungen

Danke schön! 🙂

 

Zitat von Watzefak am 14. Oktober 2020, 2:00 Uhr

Wenn wir noch ein, zwei Haken schlagen, müssten wir die Sparquote auf 80 % erhöhen können.

Wären ja immer noch 3000€ Ausgaben pro Monat?!

Das gemeinsame Haushaltsnettoeinkommen liegt bei rund 180 k€ p.a. -

Was ist denn das für ein Bruttoeinkommen? 😯

  1. Zwei Kinder, die noch rund drei Jahre Betreuung brauchen.

Aus dem übrigen Text entnehme ich, dass deine Kinder noch zur Schule gehen und danach studieren sollen/wollen.
Du bist dir bewusst, dass das also eher noch 10 Jahre sind, die ihr finanzieren müsst, und nicht drei?
Bafög gibt es bei dem Vermögen natürlich nicht.

  1. Meine mentale Sperre, mich von monatlichen Gehaltseingängen zu verabschieden, die sich auch ohne Bonus oder Gehaltssteigerungen bis zum 67. Lebensjahr auf einen Mörderbetrag summieren würden.

Mit einem früheren Ausstieg verlierst du die Chance der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein.

  1. Meine mentale Sperre, nach 20+ Jahren Arbeit im selben Großkonzern, diesen eventuell ohne Abfindung zu verlassen.
  2. Meine mentale Sperre, mich für sagen wir mal 300 k€ brutto abfinden zu lassen und das mehr oder oder weniger auf einen Schlag versteuern zu müssen.
  3. Leichte Fragezeichen nach dem danach - ist man am Ende doch bloß eine Hamsterseele, die ohne Routine eingeht?

Wie wäre es mal Teilzeit auszuprobieren?

  1. Meine Überzeugungen zu Entnahmeraten und erforderlichen Depotgrößen wechsele ich vermutlich öfter als meine Socken

Vielleicht noch zum Geldbedarf und generellen Lifesytle: wir sind durch mit allen Statussymbolen, wohnen inzwischen zur Miete in einer Hartz4-Kolonie und schlurfen privat in alten Crocs und Jogginghosen durch die Gegend. Ein paar Bücher, verbissen geführte Tischtennisschlachten und gelegentliche Fluchten im Wohnmobil reichen uns an Lebensqualität.

Wie schafft ihr es mit dem Lebensstil 3k pro Monat auszugeben?

Mehr noch: ich finde es großartig, deutlich unter seinen Möglichkeiten zu bleiben, gegen den Strom zu schwimmen und bei Freunden für absolutes Unverständnis und Stirnrunzeln zu sorgen.

Warum, wenn du auf der anderen Seite nicht den Mut hast die Lohnarbeit an den Nagel zu hängen?
Sprich: was nutzt es dir, wenn deine Entscheidung auszusteigen noch gar nicht in getroffen wurde?

Wäre deine Partnerin denn bereit aus dem Beruf auszusteigen?

Ich gebe noch zu bedenken, dass ihr ja nicht bis zum Ende eures Lebens von dem Vermögen leben müsst, sondern nur bis ihr das ordentliche Rentenalter erreicht.

Sprich 1.5 Mio für 17 Jahre. Sprich 90k pro Jahr, ohne dass das Vermögen Rendite erwirtschaftet?
Worauf wartest du noch?

Es grüsst das Sparschwein.

 

Zitat von Watzefak am 14. Oktober 2020, 2:00 Uhr

... hatten wohl eine größere Portion Glück, als Angestellte in solche Gehaltsdimensionen vorzustoßen. Ehrlicherweise ist der Zenit aber überschritten. Die Boni sind rückläufig, die Festgehälter stagnieren. ...

  1. ...
  2. ...
  3. Meine mentale Sperre, nach 20+ Jahren Arbeit im selben Großkonzern, diesen eventuell ohne Abfindung zu verlassen.
  4. ...

ist nur der Zenit DEINER Karriere überschritten?

oder kriselt es bei Deinem Arbeitgeber?

wenn letzteres: dann hast Du ja vielleicht die "Chance", dass Du gar nicht selber kündigen musst, sondern Dich abfinden lassen kannst, wenn die Arbeit nicht mehr für alle Betriebsangehörigen ausreicht  😉

Zitat von Watzefak am 14. Oktober 2020, 2:00 Uhr

Das gemeinsame Haushaltsnettoeinkommen liegt bei rund 180 k€ p.a. -

wohnen inzwischen zur Miete in einer Hartz4-Kolonie und schlurfen privat in alten Crocs und Jogginghosen durch die Gegend.

Bin ja auch eher sparsam, aber die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme erschliesst sich mir nicht. Oder geht es nur darum, möglichst viel Kohle anzusammeln?

@Sparschwein: Bei einer Sparquote von derzeit 60% gönnt sich die Watzefak Family Ausgaben von 6.000€ p.M.. Bei einer Sparquote von 80% wären es 3.000€. 6.000 finde ich für einen Möchtegernfrugalist zu 4. ziemlich viel, 3.000 für einen 4 Personenhaushalt ziemlich frugal und wohl nicht weit weg von einem Harz 4 Gesamtniveau für eine 4 köpfige Familie.

Interessant finde ich den Mindset Change von Sparquote 0 auf 60% mit Potential auf 80%. Das stelle ich mir nicht so ohne Reibung vor. Warum vorher das eine Extrem und was wurde da alles konsumiert und wie kam es zum anderen Extrem. Vielleicht mag uns Watzefak hierzu mehr erzählen. Mich würde dies interessieren.

@Privatier: Ich denke Watzefak hat in einer blumigen Sprache geschrieben. Auch ich habe eine Jogginghose und Crocs im Schrank ;-). Ob Harz 4 Kolonie, Stalingrad im Spätherbst oder der Schlabberlook, all dies verstehe ich als Methaphern. Mir gefallen diese und die lakonische Schreibweise, insbesondere der Spätherbst in Stalingrad 🙂

@Watzefak: Wenn ich dich so lese, habe ich den Eindruck dass du deinen Ehrgeiz und dein Zielerreichungsgen jetzt von dem beruflichen Erfolg auf den frugalistischen Erfolg verlegst. Verzeihe mir wenn ich dir damit zu nahe trete, aber ich neige in ähnliche Muster zu verfallen. Spüre aber dass es in diesem Lebensschritt nicht mehr um Zielerreichung geht und Dinge extrem und extrem gut zu machen, sondern um loslassen, ankommen in sich gehen usw.. Das alte Muster beizubehalten wäre m.M.n. ein Fehler. Das was deiner Meinung zur Steigerung der Lebensqualität beiträgt darfst du zulassen und was nicht weglassen. Ich selbst habe eigentlich immer schon auf der Konsumseite deutlich unter meinem Einkommen gelebt. War der ein- oder anderen Versuchung verfallen um zu der Erkenntnis zu kommen dass je mehr Dinge ich habe die Dinge mich haben und mir zudem Zeit immer wichtiger wird.

Euren Ansatz mit den dann Erwachsenen Kindern ein "WG" zu bilden und viel mit dem WoMo zu reisen finde ich spannend. Wie stellt ihr euch sonst euren FIRE Alltag vor? Erzähle -wenn du möchtest- doch etwas mehr von eurem Weg und dem Sprung von 100% Konsum auf Sparquote 60% und dann 80%. Zumindest von deiner Partnerin. Wie war die Entwicklung bei dir?

Um deine Unsicherheit zu beseitigen und Klarheit zu bekommen empfehle ich wie oben beschrieben ein Haushaltsbuch (mache ich mit einer APP) für mindestens ein Kalenderjahr zu führen. Lebt so wie ihr es euch wünscht. Nicht übertrieben geizig aber auch nicht unreflektiert. Wenn du das Haushaltsbuch führst wirst du dir automatisch über kommende variable Ausgaben und Fixkosten Gedanken machen. Wenn sich dies stabilisiert kannst du dir dein Vermögen und dein Cashflow anschauen. Nachdenken ob du das Kapital erhalten willst oder teils verzehren. Mit dieser Systematik kannst du zwar täglich die Socken wechseln nicht aber deine Planung. Wenn das klar ist und es eine Möglichkeit zur Abfindung gibt geht ihr vielleicht raus wenn die Kinder euch noch brauchen und du kannst den Prozess des neuen Lebens zulassen und dem Zeit geben ohne gleich in das nächste "Flucht Projekt" zu starten. Das Langzeit-Reisen läuft euch nicht weg.

Zitat von Muslime_Frugi am 15. Oktober 2020, 9:46 Uhr

@Privatier: Ich denke Watzefak hat in einer blumigen Sprache geschrieben. Auch ich habe eine Jogginghose und Crocs im Schrank ;-). Ob Harz 4 Kolonie, Stalingrad im Spätherbst oder der Schlabberlook, all dies verstehe ich als Methaphern.

Jogginghose habe ich auch gerade an. Was soll mir Harz 4 Kolonie als Methapher sagen? Entweder er wohnt in einer Harzer Umgebung oder nicht. Wenn er in einer solchen wohnt, verstehe ich nicht warum. Wenn nicht, weiss ich nicht, warum er dieses als Methapher verwendet.

Zitat von Muslime_Frugi am 15. Oktober 2020, 9:46 Uhr

insbesondere der Spätherbst in Stalingrad 🙂

Das sind wirklich klasse Methaphern. Das hat damals auch allen super Spaß gemacht.

Das letzte Bild meines Großvaters, völlig unpolitisch und unmilitärisch als Schreiber eingezogen, zeigt ihn in einem Schützengraben wahrscheinlich einige hundert Kilometer vor Stalingrad, bevor ihn eine Granate zerfetzte.

Das ist ungefähr das Gebiet, in dem damals die Großmutter meiner Frau wohnte. Die hatte damals auch viel Spaß und Freude. Mit nackten Füßen aus dem zugefrorenen Fluß Trinkwasser zu holen und Kilometer weit nach Hause zu tragen war ein großer Spaß, den man allen nur wünschen kann.

Einige tausend Kilometer weiter westlich schmieß sich mein Vater mit einem Leinentuch ausgestattet auf dem stundenlagen Schulweg vor den Jagdflugzeugen in die Schnee, während meine Mutter bei einem Bombenabwurf verschüttet wurde.

Einige Methaphern sind einfach Scheisse und unangemessen.

 

Zitat von Privatier am 15. Oktober 2020, 10:05 Uhr
Zitat von Muslime_Frugi am 15. Oktober 2020, 9:46 Uhr

insbesondere der Spätherbst in Stalingrad 🙂

Das sind wirklich klasse Methaphern. Das hat damals auch allen super Spaß gemacht.

Das letzte Bild meines Großvaters, völlig unpolitisch und unmilitärisch als Schreiber eingezogen, zeigt ihn in einem Schützengraben wahrscheinlich einige hundert Kilometer vor Stalingrad, bevor ihn eine Granate zerfetzte.

Das ist ungefähr das Gebiet, in dem damals die Großmutter meiner Frau wohnte. Die hatte damals auch viel Spaß und Freude. Mit nackten Füßen aus dem zugefrorenen Fluß Trinkwasser zu holen und Kilometer weit nach Hause zu tragen war ein großer Spaß, den man allen nur wünschen kann.

Einige tausend Kilometer weiter westlich schmieß sich mein Vater mit einem Leinentuch ausgestattet auf dem stundenlagen Schulweg vor den Jagdflugzeugen in die Schnee, während meine Mutter bei einem Bombenabwurf verschüttet wurde.

Einige Methaphern sind einfach Scheisse und unangemessen.

 

Ich finde the Metapher super. Es wird Zeit, dass wir Deutschen über WWII wegkommen. Jeder hat irgendwelche Eltern oder Großeltern oder andere Verwandten, die irgendwie im zweiten Weltkrieg gestorben sind... Das Leben geht weiter...

Zitat von Watzefak am 14. Oktober 2020, 2:00 Uhr

Vorweg: Vorsicht, hier kommt also noch so ein Pseudo-Frugalist mit hohem Einkommen und irrationalen Ängsten.

Das Thema finanzielle Freiheit beschäftigt mich aus den üblichen Gründen seit rund drei Jahren. Die Lebenspartnerin ist inzwischen mit an Bord und hat ihre Sparquote von ehemals 0,0 in kürzester Zeit auf locker 60 % hochgepumpt - das ganze sogar noch mit deutlich Luft nach oben. Wenn wir noch ein, zwei Haken schlagen, müssten wir die Sparquote auf 80 % erhöhen können.

Das gemeinsame Haushaltsnettoeinkommen liegt bei rund 180 k€ p.a. - wir sind beide Ende 40 und hatten wohl eine größere Portion Glück, als Angestellte in solche Gehaltsdimensionen vorzustoßen. Ehrlicherweise ist der Zenit aber überschritten. Die Boni sind rückläufig, die Festgehälter stagnieren. Hier und da wähne ich mich in einem beruflichen Stellungskrieg. Stalingrad im Spätherbst, quasi. Wobei das natürlich sehr subjektiv ist und insbesondere das von mir weidlich genutzte Home Office das ganze doch auch wieder relativiert.

In Vorbereitung auf die finanzielle Unabhängigkeit haben wir uns schon mal unseres Hauses entledigt und unsere Depots auf insgesamt rund 1,5 Mio hochgeschummelt. Alles in allem also ganz gute Voraussetzungen, optimistisch in die Zukunft zu schauen.

Hürden, die es noch zu überwinden gilt, bevor wir im gemeinsamen Wohnmobil der Nachbarschaft zum Abschied freundlich hupen:

  1. Zwei Kinder, die noch rund drei Jahre Betreuung brauchen.
  2. Meine mentale Sperre, mich von monatlichen Gehaltseingängen zu verabschieden, die sich auch ohne Bonus oder Gehaltssteigerungen bis zum 67. Lebensjahr auf einen Mörderbetrag summieren würden.
  3. Meine mentale Sperre, nach 20+ Jahren Arbeit im selben Großkonzern, diesen eventuell ohne Abfindung zu verlassen.
  4. Meine mentale Sperre, mich für sagen wir mal 300 k€ brutto abfinden zu lassen und das mehr oder oder weniger auf einen Schlag versteuern zu müssen.
  5. Leichte Fragezeichen nach dem danach - ist man am Ende doch bloß eine Hamsterseele, die ohne Routine eingeht?
  6. Meine Überzeugungen zu Entnahmeraten und erforderlichen Depotgrößen wechsele ich vermutlich öfter als meine Socken

Vielleicht noch zum Geldbedarf und generellen Lifesytle: wir sind durch mit allen Statussymbolen, wohnen inzwischen zur Miete in einer Hartz4-Kolonie und schlurfen privat in alten Crocs und Jogginghosen durch die Gegend. Ein paar Bücher, verbissen geführte Tischtennisschlachten und gelegentliche Fluchten im Wohnmobil reichen uns an Lebensqualität.

Mehr noch: ich finde es großartig, deutlich unter seinen Möglichkeiten zu bleiben, gegen den Strom zu schwimmen und bei Freunden für absolutes Unverständnis und Stirnrunzeln zu sorgen.

Fazit: Hürde Nummer 1, die Kinder, geben mir noch ein bisschen Zeit, die Hürden 2 bis 6 zu überdenken. Blöderweise stresst mich das ganze aber: so kurz vor dem Ziel bin ich maximal ungeduldig.

 

Lustiger Beitrag. Ein paar Beobachtungen:
- Wenn Du nicht weißt was Du machen willst, wenn Du deinen Job kündigst, wieso würdest Du dann kündigen?
- Du hast noch 3 Jahre bis die Kinder aus dem Haus sind, das sollte Dir genug Zeit geben Dich in eine Lage zu arbeiten mit einer Abfindung wegzulaufen.
- Du hast zu viele Mental sperren
- Wieso lässt Du deine Kinder in einer Hartz4 Kolonie aufwachsen? Hört sich nach einem verzweifelten Versuch an anders zu sein und gegen den Strom schwimmen zu wollen. Keine Ahnung wem Du was beweisen willst.

Sprachdetails und Metaphernfindung hin oder her, es ist die Diskrepanz des eigenen Doing's und unklaren Haltung gegenüber der lapidar lässigen Zustandsbeschreibung die nicht passt.

Habe ich einen Zustand des inneren Flows für FIRE erreicht, und der Hausverkauf von @watzefak zeigt mir das, dann kann ich nicht im gleichem Atemzug über entgangene Gehaltszahlungen oder Abfindung lamentieren.

Meine Empfehlung ist die eigene Position zu klären und sich dann dem selbst definierten Glück zuzuwenden. Das Rumgeiere bzw Gejammer wegen 5 oder 10 oder auch 100% mehr Besitz, wenn es doch sowieso schon aktuell reicht, das Kokettieren mit den Hartz Attributen zeigt mir das, lenkt mich als Leser in Richtung Langeweile.

Sorry für meine Worte, aber vielleicht als ehemals Selbstständiger noch einen oben draufgesetzt: Das mittlere Managment ist seit Jahren überbezahlt und überschätzt. Dort nicht mehr tätig zu sein ist eine gesamtgesellschaftliche Wohltat. Also, nur Mut, lassen Sie den Ballast hinter sich und verschonen Sie auch Ihren Arbeitgeber vor spekulativen und fruchtlosen Abfindungsdiskussionen.

Verlassen Sie Ihre sprachlich argumentative Opferrolle, seien Sie ein Mann  und reiten in den Sonnenuntergang.

Gruß aus dem FIRE Quartier.

 

Zitat von alu2707 am 15. Oktober 2020, 10:42 Uhr

Ich finde the Metapher super. Es wird Zeit, dass wir Deutschen über WWII wegkommen. Jeder hat irgendwelche Eltern oder Großeltern oder andere Verwandten, die irgendwie im zweiten Weltkrieg gestorben sind... Das Leben geht weiter...

Ich bin da nun mal anderer Meinung. Das wir einen komplett unterschiedlichen Mindset haben  und keine Freunde werden, ist sowieso klar.

Zitat von Watzefak am 14. Oktober 2020, 2:00 Uhr

Die Boni sind rückläufig, die Festgehälter stagnieren. Hier und da wähne ich mich in einem beruflichen Stellungskrieg. Stalingrad im Spätherbst, quasi. Wobei das natürlich sehr subjektiv ist und insbesondere das von mir weidlich genutzte Home Office das ganze doch auch wieder relativiert.

Da sitzt du in Jogginghose im Homeoffice und fühlst dich wie jemand, dem bei -40°C die Zehen abfrieren, während rechts und links Granaten einschlagen und du seit Wochen nicht genug zu Essen bekommen hast. Kannste dir nicht ausdenken, so ne Aussage.

Vielleicht bekommst du für deinen Arbeitseinsatz ja noch den Gefrierfleischorden verliehen, ich würde es dir gönnen.

„Schwarz ist die Nacht, weiß ist der Schnee und von beiden Seiten die Rote Armee.“

Ein Umfeld verändert und prägt. Die Konzernwelt ist ein goldener Käfig per Excellence. Überbezahlt und überschätzt und überbewertet. Zumindest ab einem gewissen Level.

Deshalb fühlt es sich ja auch so scheiße und unauthentisch an. Sich und anderen immer wieder einzureden dass man so geil ist wie das Gehalt kostet Kraft und zermürbt. Am Ende verdienen die Konzerne jedoch Geld und sind erfolgreich. Die Mitarbeiter die am Rad drehen müssen ungleich mehr Energy für die Nebenkriegsplätze und Internas verwenden als für die effiziente Arbeit. Man kann sich halt auch mit hohem Gehalt besser hinter den 10.000den verstecken. Ob das Stresslevel in Summe nun beim Großen, Kleinen oder als Selbständiger größer ist will ich gar nicht beurteilen. Da ich 2/3tel meiner Zeit in mittelständischen Unternehmen verbracht habe kann ich sagen das die Zeit sich dort jedenfalls normaler und gesünder angefühlt hat. Eine Sicht die jemand der nur im Konzern war nicht zu beurteilen vermag.

Ich bin froh über meine Freundin -die in einem sozialen Bereich arbeitet- immer wieder den Spiegel gezeigt zu bekommen. Das erdet!

Erstmal danke für die vielen und guten Rückmeldungen! Tatsächlich das, was ich brauche, um die blöde Ambivalenz mal gründlich zu beleuchten.

@Sparschwein:

  • Bruttoeinkommen ist ganz ordentlich - Kindergeld, Steuerrückerstattungen und sowas habe ich aber mit reingeschmuggelt in die Haushaltsnettoeinnahmen.
  • Die Kinder bekommen EINE Ausbildung finanziert. Grob die Hälfte der Unterstützung gibt es in Form eines kostenfreien WG-Zimmers - entweder in der aktuellen Wohnung oder irgendwo anders. Falls das aktuelle Zimmer nicht genutzt wird, wird dieses anderweitig vermietet, um die Kosten dafür zu neutralisieren. Den Rest gibt es in Form des Kindergeldes plus Zuschlag. Stand heute würde ich von einem Geldbedarf pro Studentenkind neben dem Faktor Wohnen von 600 bis 800 Euro ausgehen. Abzüglich des Kindergeldes kostet uns der Spaß also 400 bis 600 Euro. Nehmen wir die Mitte und sagen 500 Euro. Bezahlt wird EINE Ausbildung bzw. maximal fünf Jahre Ausbildungsdauer - pro Kind also 500 x 12 x 5 = 30.000 Euro. Gut dabei: mehr oder weniger leben die Eltern auf einem ähnlichen Niveau. Da kann man dann schlechter meckern.
  • Wegen Teilzeit: nach allem, was ich so mitbekomme, ist das Risiko, als Teilzeitler irgendwie doch ein volles Arbeitspensum erledigen zu müssen, nicht klein. Kommt für mich nicht in Frage.
  • 3k pro Monat: naja, die Wohnung kostet rund 1.100 Euro. 1.900 Euro zu viert ist schon nicht so übel, denke ich.
  • Partnerin würde gerne sofort aufhören - und das obwohl sie kürzlich ihre Stellung gewechselt hat und neuerdings mehr verdient als ich. Kann aber sein, dass das nur Geschwätz ist, weil sie in der internen Vermögensaufteilung noch ein gutes Stück hinter mir liegt - und wenn eine Entscheidung nicht konkret ansteht, kann man leicht reden.
  • Rentenansprüche muss ich mir noch mal genauer anschauen. Bei mir wären es noch 19 Jahre bis zur gesetzlichen und zur Betriebsrente. In diesem Zusammenhang: um die Volatilität unserer Depots besser zu ertragen, würde ich sehr wahrscheinlich einen cashähnlichen Sicherheitspuffer für mindestens zehn Jahre aufbauen wollen - bzw. durch Verkäufe im Depot zur Seite schaffen.

@exit-tbd

  • Zenit: ich habe den Zenit überschritten. Wenn du in einem globalen Konzern in einem verhältnismäßigen Hochlohnland arbeitest, ist die Wahrscheinlichkeit, dass deine Arbeit outgesourced wird, wohl nahe 100 %. Und, schwupps, hast du einen Chef in Indien. Die Zusammenarbeit ist gar nicht so schlecht und ob meines Rufs vertraut man mir immer noch globale Mandate an, aber so insgesamt und unterm Strich: die Industrialisierung / Automatisierung / Trivialisierung der Arbeit erreicht immer neue Höhen. Und die Qualität der Kollegen in Portugal, Polen, Indien ist gut. Preis-/Leistung ist inzwischen besser als in Deutschland - da kann man den Unternehmen nicht so wirklich einen Vorwurf machen - eher schon der Politik, die hier schläft und meiner Meinung nach demnächst aufwachen sollte.

@Privatier

  • Die Hartz4-Kolonie ist mit großem Abstand Preis-Leistungssieger, auch wenn alle die Nase rümpfen. Die Nachbarschaft ist bunt gemischt aber relativ entspannt. Bis auf Fahrrad- und Rollerklau gibt es weiter keine Komplikationen. Auch gut: Tochter hat muslimische Freundinnen, die alle relativ früh zu Hause sein müssen. Hat sich so ergeben und fühlt sich überraschend gut an. Außerdem haben wir mit einem relativ komfortablen Wohnmobil, das ich direkt vor der Tür parken kann, quasi immer eine Fluchtmöglichkeit. Dass Kosten bei unserem Vorhaben eine zentrale Rolle spielen, ist eh klar.
  • Die Spätherbst-Stalingrad-Metapher ist natürlich grotesk und schießt weit übers Ziel hinaus. Mein Opa war selbst in Russland unterwegs - auch noch über den Krieg hinaus in Gefangenschaft. Ich hatte leider keine Gelegenheit, ihn kennenzulernen. Wenn es dazu noch mal kommen sollte, soll er mir gerne die Ohren lang ziehen - einverstanden?

@Muslime-Frugi

  • Zur Sparquoten-Reibung: Partnerin hat sich drei Monate standhaft geweigert, über ein Haushaltsbuch auch nur zu reden. Sie kenne ihre Zahlen. Der Widerstand lag darin begründet, dass sie restlos alle Guthaben in Konsum überführt hat. Ihre Leistung und ihr Anspruch damals waren, dass das Konto nicht ins Minus läuft. Bin aber penetrant: das elektronische Haushaltsbuch ist etabliert, macht Spaß und bildet die Basis für viele Entscheidungen. Manchmal mache ich mich noch über ihren initialen Widerstand noch lustig. Ihren Marken-Kleiderkonsum finanziert sie übrigens über Kauf- und Verkaufsaktionen bei eBay, Kleiderkreisel und sowas.
  • Frugalistischer Ehrgeiz: tolle Beobachtung. Als (Ex-)High-Performer im Unternehmen übertrage ich wohl Verhaltensmuster ins Privatleben. So nach dem Motto: alle Sparquoten unter 80 % sind larifari. Ist wirklich so: Bei Sparquoten unter 50 % geht für mich gefühlt die Welt ein kleines Stück unter. Der Hausverkauf hat im Kern sicher ein ähnliches Maximierungs-Motiv. Arrivierte Freunde von uns bestehen quasi darauf, dass wir möglichst bald wieder in die "normale Welt" der Reichen-Ghettos ziehen.
  • Gemeinsamer Lebensplan mit der Partnerin: wir haben inzwischen die gleichen Ideen. Ihre Eltern sind früh gestorben, meine leben noch, taugen aber als abschreckendes Beispiel, wie man sich zu viel Stress und Arbeit ans Bein bindet. Am Tag, an dem uns das jüngste Kind nicht mehr braucht, geht es zusammen raus in die Welt. Mit einem Stapel Bücher, den gemütlichsten Jogginghosen und Crocs und viel Zeit, uns treiben zu lassen. Wohnmobil steht wiegesagt schon bereit. Mögliche Reiseziele: schöne Restaurants, gute Theater und Konzerte, die verlassensten Strände und Seen. Wenn wir einen besonders schönen Ort finden, mieten wir uns gerne auch in eine möblierte Wohnung oder ein Haus ein. Die Homebase in Form einer von uns verwalteten WG bleibt mindestens so lange bestehen, bis die Kinder komplett auf eigenen Beinen stehen und wir nicht den perfekten Ort irgendwo anders gefunden haben. Unser neuer Ehrgeiz: die schönsten Plätze und Momente zu suchen und zu finden. Den alten Ehrgeiz kompensieren wir mit Tischtennisschlachten. Wir haben übrigens erst vor sechs Wochen rausgefunden, dass wir beide vor 35 - 40 Jahren fanatisch und ziemlich gut Tischtennis gespielt haben. Gestern standen wir tatsächlich in Regenjacken an der Tischtennisplatte im Hartz4-Ghetto.

@alu2707

  • Stimmt, der Stress ist "hausgemacht". Sollte mich einfach zurücklehnen, warten bis die Kinder so weit sind und DANN handeln. Das würde aber voraussetzen, dass ich Geduld hätte. Habe ich aber nicht. Kann mir auch nicht vorstellen, wie man so kurz vorm Ziel und der "arschlochfreien Zone" sowas haben kann. Ich bin ungeduldig und bockig.
  • Kinder in der Hartz4-Kolonie: sind in Wahrheit relativ normal aussehende Mehrfamilienhäuser, die von Hartzies, Grusi-Rentnern und Geringverdienern bewohnt werden. Gibt schlimmeres. Zumal Klassenkameraden da wohnen.
  • An den mentalen Sperren arbeite ich... auch dank deines Feedbacks.

@Absprung_2020

  • Tausend Dank für diesen "Arschtritt", der mir gut tut.
  • Die Widersprüche und die Ambivalenz sind riesig und nervig.
  • Ich fürchte, dass der Sprung für mich aus der alten tradierten, vermeintlich bewährten und leistungsorientierten Rolle in eine neue Rolle doch recht groß ist. Das entschuldigt aber nix und macht die Lamentiererei nicht besser. Ich gelobe Besserung, lerne derweil die Trinity-Study auswendig und schaue, ob die Kinder irgendwo noch ein Lucky Luke Heftchen rumliegen haben.

Vielen Dank in die Runde! Für meine Verhältnisse ist das Niveau hier sehr gut und angenehm. Ob und wie der Sprung ins neue Leben gelingt, lässt sich vorher nicht in allen Details sagen. Sonst wäre es ja auch langweilig.

Hi Watzefak,

schön das du hier bist. Für die High-Income-Pseudo-Frugalisten passt auch das hier: https://freiheitsmaschine.com/

Ich habe im Gegensatz zu dir den Ausstieg über die Teilzeitarbeit genommen. Ist auch nicht wirklich zu empfehlen. Es passt nicht in das Umfeld auch wenn du die gleiche Leistung bringst. Bleib lieber in der Homeofficevariante.

Klar reichen 1.5 Mio. Schau dir mal deine Rentenpunkte und die betriebliche Rente an. Alles in eine Excel packen mit den jährlichen Ein-und Ausgaben bis ins Rentenalter hinaus. Das ganze dann noch mit einfacher und doppelter Sicherheit betrachten und gut ist.

 

 

Zitat von Watzefak am 14. Oktober 2020, 2:00 Uhr

Vorweg: Vorsicht, hier kommt also noch so ein Pseudo-Frugalist mit hohem Einkommen und irrationalen Ängsten.

Das Thema finanzielle Freiheit beschäftigt mich aus den üblichen Gründen seit rund drei Jahren. Die Lebenspartnerin ist inzwischen mit an Bord und hat ihre Sparquote von ehemals 0,0 in kürzester Zeit auf locker 60 % hochgepumpt - das ganze sogar noch mit deutlich Luft nach oben. Wenn wir noch ein, zwei Haken schlagen, müssten wir die Sparquote auf 80 % erhöhen können.

Das gemeinsame Haushaltsnettoeinkommen liegt bei rund 180 k€ p.a. - wir sind beide Ende 40 und hatten wohl eine größere Portion Glück, als Angestellte in solche Gehaltsdimensionen vorzustoßen. Ehrlicherweise ist der Zenit aber überschritten. Die Boni sind rückläufig, die Festgehälter stagnieren. Hier und da wähne ich mich in einem beruflichen Stellungskrieg. Stalingrad im Spätherbst, quasi. Wobei das natürlich sehr subjektiv ist und insbesondere das von mir weidlich genutzte Home Office das ganze doch auch wieder relativiert.

In Vorbereitung auf die finanzielle Unabhängigkeit haben wir uns schon mal unseres Hauses entledigt und unsere Depots auf insgesamt rund 1,5 Mio hochgeschummelt. Alles in allem also ganz gute Voraussetzungen, optimistisch in die Zukunft zu schauen.

Hürden, die es noch zu überwinden gilt, bevor wir im gemeinsamen Wohnmobil der Nachbarschaft zum Abschied freundlich hupen:

  1. Zwei Kinder, die noch rund drei Jahre Betreuung brauchen.
  2. Meine mentale Sperre, mich von monatlichen Gehaltseingängen zu verabschieden, die sich auch ohne Bonus oder Gehaltssteigerungen bis zum 67. Lebensjahr auf einen Mörderbetrag summieren würden.
  3. Meine mentale Sperre, nach 20+ Jahren Arbeit im selben Großkonzern, diesen eventuell ohne Abfindung zu verlassen.
  4. Meine mentale Sperre, mich für sagen wir mal 300 k€ brutto abfinden zu lassen und das mehr oder oder weniger auf einen Schlag versteuern zu müssen.
  5. Leichte Fragezeichen nach dem danach - ist man am Ende doch bloß eine Hamsterseele, die ohne Routine eingeht?
  6. Meine Überzeugungen zu Entnahmeraten und erforderlichen Depotgrößen wechsele ich vermutlich öfter als meine Socken

Vielleicht noch zum Geldbedarf und generellen Lifesytle: wir sind durch mit allen Statussymbolen, wohnen inzwischen zur Miete in einer Hartz4-Kolonie und schlurfen privat in alten Crocs und Jogginghosen durch die Gegend. Ein paar Bücher, verbissen geführte Tischtennisschlachten und gelegentliche Fluchten im Wohnmobil reichen uns an Lebensqualität.

Mehr noch: ich finde es großartig, deutlich unter seinen Möglichkeiten zu bleiben, gegen den Strom zu schwimmen und bei Freunden für absolutes Unverständnis und Stirnrunzeln zu sorgen.

Fazit: Hürde Nummer 1, die Kinder, geben mir noch ein bisschen Zeit, die Hürden 2 bis 6 zu überdenken. Blöderweise stresst mich das ganze aber: so kurz vor dem Ziel bin ich maximal ungeduldig.

 

 

Hi.

Bei höhreren Konzernpositionen würde ich Teilzeit auch nicht empfehlen.

Wenn man nicht gerade auf 15 Stunden reduziert, bleibt es lange eine ähnliche Arbeitsmenge bei deutlich weniger Geld. Außerdem richtet sich die mögliche Abfindung nach dem letzten Gehalt und wer dann kurz zuvor auf 50% reduziert hat, wirft größer sechsstellig weg.

Bei Deiner Kombi aus Homeoffice plus Kinder noch drei Jahre im Haus würde ich ca. diesen Zeitraum mit dem Selbstanspruch:

  1. Berufliches "Coasting"
  2. Maximales Homeoffice &
  3. freizeitoptimiert

zusammen mit der Partnerin durchziehen und danach in die Abendsonne segeln.

 

Vorteile:

  • Durch die Kinder habt Ihr aktuell sowieso noch Hamsterräder, die "sehr gut vereinbar" mit einer Angestelltentätigkeit sind wie durchgetakteter Tagesablauf sowie ortsgebundenheit durch Schulen.
  • Homeoffice macht das Ganze deutlich erträglicher und bei Deinem Arbeitseinsatz mit Deinen (zu erarbeitenden) Selbstanspruch "Coasting", ist die Bereitschaft Deines Arbeitgebers, Dir in den nächsten Jahren eine Abfindung anzubieten, deutlich höher als wenn Du als High Performer keinen Zweifel an Deinem hohen Wert für das Unternehmen nährst.
  • Jetzt noch drei Jahre Sparquote von jährlich 100k+ Euro pro Jahr plus durchschnittlich versteuerte 5% Aktienmarktrendite, machen weitere ca. 0,5M Euro in eurem Depot sowie zusammen gut 6 Rentenpunkte (200 Euro inflationsbereinigt Brutto monatlich lebenslang ab 67, das heißt in Summe 50.000 Euro extra über 20 Jahre).

Für junge Menschen kaum vorstellbar, machen investierte 2M Euro im Vergleich zu 1,5M Euro bei Paaren oft den Unterschied zwischen in den nächsten 30 Jahren monatlich nachrechnen ob noch ein Restaurantbesuch oder ein Auslandsaufenthalt extra drin ist oder die Freiheit über diese Dinge grundsätzlich nicht mehr nachdenken zu müssen. Also den Luxus, ein Überflussmindset genießen zu können, da die versteuerten Dividendenzahlungen verläßlich größer sind als die monatlichen Ausgaben.

Und das ist sowieso die Hauptaufgabe für Dich. Dir ein positives Mindset zu schaffen und von der Angestelltendenke des monatlichen Gehaltschecks mit Pseudosicherheit weg zu kommen.

Freiheitsmaschine wurde ja schon verlinkt. Es gibt dort jede Menge Millionär Interviews von Menschen, die Ihr Vermögen auf unterschiedlichen Wegen erreicht und sich dann ähnliche Lebensfragen wie Du aktuell gestellt und für sich beantwortet haben: https://freiheitsmaschine.com/millionaer-interviews-2/

Schönen Tag!

https://freiheitsmaschine.com
Zitat von Maschinist am 19. Oktober 2020, 11:48 Uhr

Bei höhreren Konzernpositionen würde ich Teilzeit auch nicht empfehlen.

Wenn man nicht gerade auf 15 Stunden reduziert, bleibt es lange eine ähnliche Arbeitsmenge bei deutlich weniger Geld. Außerdem richtet sich die mögliche Abfindung nach dem letzten Gehalt und wer dann kurz zuvor auf 50% reduziert hat, wirft größer sechsstellig weg.

Stimmt so nicht:

Also ich war 2,5 Jahre in Elternzeit in Teilzeit: 28 Stunden / Woche verteilt auf 3,5 Tage.

Während ich vorher mindestens 50 Stunden / Woche gearbeitet habe, waren es dann genau 28 - ich musste ja meinen Sohn vom Kindergarten abholen.

==> Halb soviel Arbeit aber 80% vom Netto. Einfach genial!

Die Abfindung richtet sich zumeist auch nicht nach dem letzten Gehalt sondern zB nach der Arbeitsquote der letzten 10 Jahre. Wenn man dann 1,2 Jahre reduziert hat, halten sich die Einbußen bei der Abfindung in Grenzen.

Zitat von Privatier am 19. Oktober 2020, 14:02 Uhr
Zitat von Maschinist am 19. Oktober 2020, 11:48 Uhr

Bei höhreren Konzernpositionen würde ich Teilzeit auch nicht empfehlen.

Wenn man nicht gerade auf 15 Stunden reduziert, bleibt es lange eine ähnliche Arbeitsmenge bei deutlich weniger Geld. Außerdem richtet sich die mögliche Abfindung nach dem letzten Gehalt und wer dann kurz zuvor auf 50% reduziert hat, wirft größer sechsstellig weg.

Stimmt so nicht:

Also ich war 2,5 Jahre in Elternzeit in Teilzeit: 28 Stunden / Woche verteilt auf 3,5 Tage.

Während ich vorher mindestens 50 Stunden / Woche gearbeitet habe, waren es dann genau 28 - ich musste ja meinen Sohn vom Kindergarten abholen.

==> Halb soviel Arbeit aber 80% vom Netto. Einfach genial!

Die Abfindung richtet sich zumeist auch nicht nach dem letzten Gehalt sondern zB nach der Arbeitsquote der letzten 10 Jahre. Wenn man dann 1,2 Jahre reduziert hat, halten sich die Einbußen bei der Abfindung in Grenzen.

 

Danke für Deine Erfahrungen.

Dann worden wir es: "Teilzeittätigkeit: Sinnvoll je nach Situation bei Deinem Arbeitgeber".

😉

In meiner Position bei meinem Unternehmen macht es keinen Sinn.

Ich sehe Kollegen, die von 40 auf z.B. 25-30 Stunden reduziert haben und einfach im Büro konzentrierter Arbeiten (müssen) plus sich trotzdem Kommentare gefallen lassen müssen, wenn sie um 14:00 Uhr einpacken.

 

Nach meiner persönlichen Erfahrung auch ein Weg für diesen Lebensabschnitt:

Im aktuellen Corona Homeoffice haben wahrscheinlich Millionen von Arbeitnehmern die Erfahrung gemacht, dass sie in 20-25 konzentrierten und selbstverantwortlichen Wochenstunden den Arbeitsumfang von 40 Wochenstunden im Büro plus Anfahrtzeiten erledigt bekommen. Im Endeffekt haben sie durch das Homeoffice 15-20 Wochenstunden mehr zur Verfügung und das bei vollem Gehalt und besserer Zeiteinteilung.

Nach Auslauf der Corona Situation würde ich je nach Standing und Position per Verhandlung so viel wie möglich davon in die persönliche Arbeitswelt rüberretten und mehrer Tage Homeoffice verhandeln. Der Konzernwahnsinn ist dadurch deutlich besser ertragbar und man kann diese Lebensphase dadurch deutlich besser für Kapitalaufbau (Peak Einkommensjahre) plus Lebenszufriedenheit nutzen.

 

Wenn das nicht möglich ist, würde ich innerlich zumindest ganz deutlich vom Mindset "Peak Performer & Überstunden sind normal" - Verhalten hin zur zeitlichen Optimierung und Coasting schreiten. In einigen Jahren hört man sowieso auf und im Managementbereich steht niemand mit der Stopuhr, der die Stunden aufschreibt. Ein deutlicher Teil des zeitlichen Aufwandes entsteht "nur", weil die meisten Arbeitnehmer im Management Bereich eines Unternehmens noch etwas erreichen wollen und alle anderen es auch so machen.

Wenn man auf Erstes keinen Wert mehr legt und auch den sozialen Druck der Kollegen zu ignorieren lernt, hat man innerlich schon sehr viel erreicht um den Übergang mit höchstmöglicher Lebensqualität zu gestalten. Ein schlechtes Gewissen braucht man dadurch auch nur so lange zu haben, bis einem bewußt wird, dass man in den zwei Dekaden zuvor extrem viel geleistet hat.

Schönen Nachmittag

https://freiheitsmaschine.com
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