Du musst dich anmelden um Beiträge und Themen zu erstellen.

Teilzeitarbeit - Konzepte und Gesetzeslage

Hallo zusammen,

in diesem Beitrag möchte ich gerne mit euch über die Möglichkeiten in Teilzeit zu arbeiten sprechen.

Oliver hat seine Stunden als Angestellter bereits entsprechend reduziert. Es gibt zudem auch einen Beitrag dazu, der darlegt, dass man durch geringere Steuerbelastung netto tatsächlich weniger Einbußen hat, als sich dies anhand der prozentualen Stundenreduzierung zunächst vermuten lässt.

Aktuell ist der Wechsel in die Teilzeit bei mir kein Thema. Für die Zukunft ist ein Konzept in die Richtung für mich aber deutlich attraktiver als meine gesamten (jungen) Jahre in Vollzeit zu arbeiten um dann frühzeitig vom Ersparten leben zu können.

Bislang hätte ich mir die größte Hürde darin vorgestellt eine Stelle, bzw. einen Arbeitgeber, zu finden, bei dem Teilzeitarbeit möglich ist.

Meine bisherigen Gedankengänge dazu:

  • Unerwünscht, bzw. nicht möglich, von gut bezahlter Vollzeitstelle auf Teilzeit zu wechseln
  • Teilzeitstellen werden generell geringer vergütet (bezogen auf den Bruttostundenlohn)

Würde ich meinen derzeitigen Job von 40 auf 32 Std. (von 5 auf 4 Arbeitstage) reduzieren wäre eine Gehaltseinbuße von 20% brutto für mich überhaupt kein Thema. Das ginge lediglich zu Lasten der Sparquote. Ein solcher Wechsel wäre für mich irgendwann in Zukunft also ideal.

Direkt in eine Teilzeitstelle bei einem neuen Arbeitgeber zu wechseln stelle ich mir äußerst schwierig vor. Stellen mit ähnlichem Anforderungsprofil werden in der Regel als Vollzeit ausgeschrieben und bei der Bewerbung die 4-Tage-Woche auszuhandeln stelle ich mir in den meisten Fällen schwierig vor.

Heute bin ich allerdings darauf gestoßen, dass es in Deutschland ein Recht auf den Wechsel in Teilzeitarbeit, sowie diverse Modelle dazu, gibt.

Recht anschaulich erklärt auf der Seite des Bundesministerium für Arbeit und Soziales: https://www.bmas.de/DE/Themen/Arbeitsrecht/Teilzeit/Teilzeitmodelle/inhalt.html

Mein oben angesprochenes Modell wäre demnach übrigens "Teilzeit Classic Vario", wobei dabei auch von 4 Tagen "Vollzeit" die Rede ist.

Ebenfalls spannend finde ich das Modell "Teilzeit Invest", bei dem ich bspw. meine Arbeitszeit auf 30 Std. pro Woche reduziere, zunächst aber weiterhin 40 Std. arbeite (bei der Gehaltsauszahlung von 30 Std). Nach 3 Jahren kann ich 1 Jahr Auszeit nehmen, erhalte aber weiterhin mein bisheriges Gehalt. Großer Vorteil an der Stelle ist, dass man diese Auszeit gänzlich nutzen kann um bspw. langfristig zu verreisen, gleichzeitig aber keine zusätzlichen Ausgaben für bspw. die Krankenversicherung tragen muss und sein Gehalt weiterhin zuverlässig bezieht. Für die Unternehmen sehe ich darin allerdings den großen Nachteil, dass sich ein Mitarbeiter nach einem Jahr Abwesenheit zu großen Teilen neu einarbeiten muss und die Stelle für diesen Zeitraum schwierig, temporär zu überbrücken ist. Bei kleineren Unternehmen entsprechend viel schwieriger als bei großen Unternehmen.

Nicht auf der Seite des BMAS aufgeführt aber für mich interessant wäre ein Modell, bei dem ich bspw. von 4 Wochen nur 3 Wochen Vollzeit arbeite. Man bleibt up to date und hat immer wieder Auszeiten die sich für Freizeit und Hobby sehr gut nutzen lassen. Hat jemand von euch Erfahrungen mit ähnlichen Modellen gemacht? Ein Recht auf unbezahlten Urlaub gibt es leider nicht. Ist also reine Verhandlungssache.

Anmerken möchte ich noch, dass man sich, auch wenn es gesetzlich möglich ist, beim Arbeitgeber ggf. sehr unbeliebt macht wenn man von oben genanten Möglichkeiten gebrauch macht.

Bei mir ist es zudem so, dass ich im vertriebliche Außendienst (mit stark überwiegendem HomeOffice-Anteil) demnächst teilweise auf Provisionsbasis arbeite. Meinen fixen Anteil kann man entsprechend der Stunden leicht kürzen. Den variablen Anteil (welcher zusätzlich je nach Gesamtumsatzhöhe prozentual gestaffelt ist) aufzuteilen ist entsprechend schwieriger. Ebenso könnte die Dienstwagenüberlassung entsprechend als Argument gegen eine "Teilzeit-Stelle" in den Raum geworfen werden.

 

Wie ich finde jedenfalls ein spannendes Modell für all diejenigen unter uns, die lieber ein paar Jahre länger arbeiten (bspw. bis 45 statt bis 40 ;-)), dafür aber frühzeitig in Teilzeit. Bis zum Wechsel in Teilzeit hat man die Möglichkeit ein entsprechendes Kapitalvermögen anzuschaffen, welches dann in Teilzeit nicht angerührt werden muss und sich trotzdem entsprecht der Marktlage verzinst, bis man sich eines Tages über die Entnahme Gedanken macht.

Ich freue mich auf eure Gedanken (im Idealfall sogar eigene Erfahrungen) zu dem Thema. Vielleicht spendiert uns Oliver dazu einen ähnlich gut recherchierten Artikel wie zu seiner Entnahmeplan-Serie 😉

 

 

 

Zitat von daniel am 16. Februar 2020, 14:40 Uhr

Heute bin ich allerdings darauf gestoßen, dass es in Deutschland ein Recht auf den Wechsel in Teilzeitarbeit, sowie diverse Modelle dazu, gibt.

 

Wie bei so vielen Dingen im Leben gibt es auch hier einen Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Bei wahrscheinlich 2/3 der Arbeitgeber wirst du dann aber nicht mehr das machen, was du vorher gemacht hast, sondern etwas minderwertiges. Mit Weiterentwicklung ist auch nicht viel. Du kannst ja mal die ganzen Frauen fragen, die nach der Geburt ihres Kindes ihre Arbeitszeit reduziert haben, und dann abgesägt wurden. Kenne ich genügend von... Ausnahme ist hier vielleicht der öffentliche Dienst oder wenn du zb Lehrer bist.

Hallo Daniel,

wie schon geschrieben, besteht halt immer der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Das ist das eine. Was es noch zu bedenken gibt:

Aus Erfahrung aus 1x öffentlichem Dienst (Reduktion von 60% auf 50%) und 1x freier Wirtschaft (Reduktion von 100% auf 80%):
Die Arbeitszeit beim jeweils gleichen Arbeitgeber zu reduzieren, gingen nach einigen Diskussionen durch, aber es wurde nicht der Arbeitsumfang reduziert. Das heißt am Ende, dass du die gleiche Arbeit für weniger Geld mit mehr Stress zu bewältigen hast. Z.B musste man die Arbeit, die vom freien Freitag liegen geblieben ist, am Montag erst mal aufarbeiten, um am Montag gescheid weiter arbeiten zu können.

Das führte bei uns also nicht zu dem Effekt, den wir angestrebt hatten. Wir wollten weniger Stress und mehr Freizeit. Letztendlich brauchten wir mehr (Frei-)Zeit, um uns vom Job zu erholen. (Ich schreibe in Vergangenheit. 😉 )

 

Liebe Grüße, Flitzekittel --------------------------------------------- https://miteigenenhaenden.wordpress.com/ - Downshifting, Minimalismus, Selbstversorgung, Konsumreduzierung, DIY -

Hi Daniel,

in der Wirtschaft ist Teilzeitarbeit bei Performern nicht gewünscht. Vielleicht ändert das sich in der nächsten Generation aber heute ist es eben noch so das du maximale Zeit meist als Beleg für deinene maximalen Einsatz bringen sollst.

Teilzeit solltest du daher nur anstreben wenn du von deinem Einkommen finanziell nicht mehr ahängig bist. Sozusagen im Auslauf deiner beruflichen Tätigkeit. Selbst wenn du einen Rechtsanspruch auf Teilzeit hast bist du dannach oft raus.

 

 

Ich habe von 40 auf 30 Stunden reduziert, das war bei meinem Arbeitgeber (Konzernumfeld) kein Problem. Ob das gewünscht ist oder nicht war mir in dem Fall recht egal, da es schließlich einen rechtlichen Anspruch darauf gibt. Die juristische Keule musste ich aber keine Sekunde schwingen, work-life Balance war als Begründung vollkommen ausreichend.

Das Aufgabenumfeld habe ich nicht verändert, in den letzten 2 Jahren habe ich neue Strukturen und Prozesse aufgebaut, jetzt wo alles eingeschwungen ist hole ich die 25% locker herein. Wäre für mich auch immer wieder eine Argumentation für Job suchen -> nach 2-3 Jahren Arbeitszeit reduzieren (nach 6 Monaten fände ich persönlich einem guten Arbeitgeber gegenüber nicht fair - wäre aber rein rechtlich möglich).

So lange man intern tätig ist sehe ich hier keine großen Hürden, laut meiner Erfahrung geht einem vor allem dann, wenn man ein Performer ist fast alles durch. Einzige Schwierigkeit sehe ich wenn man im Bereich Vertrieb, Beratung, Key Account Management oder Vergleichbares unterwegs ist. Die eingeschränkte Erreichbarkeit ist hier sicher ein begründetes Thema, das könnte man aber unter Umständen durch ein anderes Modell als 4 Tage Vollzeit adressieren.

Ich erfahre aufgrund der Änderung keinerlei Benachteiligungen, wage aber zu bezweifeln, dass ich mit diesem Arbeitszeitmodell für einen Karrieresprung die erste Wahl wäre.

 

… zu den bereits erwähnten Teilzeitmodellen gibt es noch die Möglichkeit einen Vollzeitarbeitsplatz mit einem Kollegen derselben Abteilung zu teilen (50:50, vormittags:nachmittags, MoMiFR:DiDo im Wechsel..., je nach Absprache und Möglichkeit).

Mein erster Job war eine Teilzeitstelle; nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass der Arbeitgeber stillschweigend erwartete, mehr oder weniger voll zu arbeiten, und das natürlich ohne die Anrechnung von Überstunden. Das ist schon länger her; der damalige Arbeitsmarkt und die Branche ließen es zu, dass sich viele derart ausnutzen ließen.

Danach habe ich auch immer nur in Teilzeit gearbeitet, da ich noch nebenher selbständig einige Projekte bearbeitet habe und dadurch generell mehr Abwechselung im Berufsleben hatte. Ich habe mich auch nur auf Jobs hin gemeldet, die als Teilzeit ausgeschrieben waren, dann aber sichergestellt, dass jede Überstunde ohne wenn und aber extra bezahlt wird. Das hat gut geklappt.

Generell ist Teilzeit aber auch sehr vom Tätigkeitsfeld und der Branche abhängig. In sozialen Bereichen oder im öffentlichen Dienst geht das sicher einfacher als im gewerbliche Bereichen. Bei großen Arbeitgebern sicher einfacher als bei kleinen und so weiter...

Zitat von daniel am 16. Februar 2020, 14:40 Uhr

Recht anschaulich erklärt auf der Seite des Bundesministerium für Arbeit und Soziales: https://www.bmas.de/DE/Themen/Arbeitsrecht/Teilzeit/Teilzeitmodelle/inhalt.html

Ich bin auch gerade dabei in Teilzeit zu wechseln, hierbei möchte ich 3 Tage / Woche arbeiten, aber natürlich auch gerne mal z.B. 5 Tage um dann auch mal eine Woche freimachen zu können.

Weiß jemand, ob die oben genannten Modelle alle rechtlich verpflichtend für eine Firma sind (sofern die Randbedingungen wie. Firmengröße etc. passen)?

Wenn Euer Arbeitgeber nicht ganz speziell den Gedanken des Jobsharings bzw. Teilzeit unterstützt (weil er Fachkräfte sucht und diesen etwas bieten will/muss oder weil er erkannt hat, dass ausgeruhte Arbeitnehmer mehr leisten als Standard-40-Wöchler), dann könnt Ihr Euch von "rechtlich verpflichtend" verabschieden.

Wenn ein Arbeitgeber nicht von sich aus Maßnahmen ergreift, um Jobsharing zu ermöglich (Orga etc.), dann kann er immer betriebliche Gründe finden, um Eure Forderung abzulehnen, das Gesetz lässt ihm diese Möglichkeit.

Und ich kann das verstehen, denn schlecht gemachte Teilzeit macht der Staat vor: Ich (selbständig) brauche dringende Info vom Finanzamt-Mitarbeiter und rufe im Auftrag meines Kunden dort an. Die für unsere Firma zuständige (schon das Wort, da kriege ich regelmäßig Zustände) Sachbearbeiterin arbeitet nur an 3 Vormittagen in der Woche. Den Rest der Zeit klingelt das Telefon ins Leere. Das kann sich ein Betrieb, der Steuern erwirtschaften soll, nicht leisten.

So lange kein Umdenken in den Firmen stattfindet - und das kann ich noch nicht erkennen, da warte ich angesichts des Fachkräftemangels schon lange vergeblich drauf - wird sich daran nichts ändern. Wenn aber ein Unternehmer sich das zur Aufgabe gemacht hat, dann kann es klappen. Diese Unternehmen sind aber sehr, sehr spärlich gesät.

Zudem lese ich bislang noch von keinem, wie Ihr dem Arbeitgeber Euren Wunsch denn verkaufen wollt? Ihr müsst ihm schon etwas bieten, warum er für Euch ein Vertretungskonzept erarbeiten, jemand Neues dafür einstellen und (sehr kostspielig) einlernen soll.

Naja, das ist einer der wenigen Vorteile, wenn man in einem Konzern arbeitet, da gibt es nicht viel Spielraum gesetzliche Reglungen zu umgehen.

Und ganz ehrlich, solange unnötig Geld für ständige Zertifizierungen, Audits, unnötige Meetings und Fehlplanungen  ausgegeben wird bin ich nicht wirklich traurig, wenn dann meine Stelle für den AG etwas unflexibler wird..

Auch wäre es m.M nach wichtig die Minijobs zu reformieren oder ganz abzuschaffen. Diese Regelungen wirken auch in die Teilzeitmöglichkeiten rein. Gibts keine Minijobs mehr würde es mehr Teilzeit geben. Ich finde die Minijobregelung nicht mehr zeitgemäß.