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Welche Partei wählt man als Frugalist?

Für mich ist klar, dass Themen wie Wohnungsnot in Großstädten, Verödung von ganzen Landstrichen auf dem Lande und andere soziale Herausforderungen, die wir haben, gelöst werden müssen. Ich glaube aber, dass dies über andere Instrumente als eine pauschale Vermögenssteuer von 5 % auf alle Vermögenswerte bei einem Freibetrag von 1 Mio. Euro gelöst wird, wie die Linke dies fordert.

Wer sehen will, wie bezahlbarer Wohnraum in attraktiven Großstädten ermöglicht wird, schaue nach Wien. Der größte Teil des Wohnungsbestandes befindet sich in der Hand der städtischer Gesellschaften und Genossenschaften, die unter Sozialoptimierungsgesichtspunkten bei finanzieller Nachhaltigkeit bewirtschaftet werden. Das Ergebnis ist bezahlbarer Wohnraum nicht nur in Genossenschafts- und städtischen Wohnungen sondern auch in Wohnungen in privater Hand. Hier üben also die Genossenschaften und städtischen Gesellschaften erfolgreich auf den Markt mit ihrer Marktmacht einen positiven Druck zu bezahlbaren Wohnraum aus.

Ist das in Deutschland (wieder) herstellbar. Ich denke schon, wenn jeder einzelne aber auch die Politik konsequent vorgeht. Hier einige Maßnahmen, die denkbar sind und diese Effekte beflügeln würden:

  • Alle neuen Bauflächen gehen nur noch an geeignete Genossenschaften oder komunale Wohnungsgesellschaften.
  • Diese werden vom Staat -soweit notwendig- mit Eigenkapitalmitteln zu null finanziert (hier würde der Staat noch verdienen, da er die Mittel derzeit zu Negativzinsen erhält).
  • bei allen Verkäufen von Wohnungsbeständen üben die Kommunen ihr gesetzlich mögliches Vorkaufsrecht aus (soweit sie dies bei sich noch nicht gesetzlich verankert haben, wird dieses Vorkaufsrecht geschaffen). Diese werden wiederum an geeignete Genossenschaften oder kommunale Wohungsgesellschaften übertragen. Finanzierung wie oben.
  • Dies geschieht solange, wie die kritische Masse erreicht ist, damit die Vermieter, mit "bezahlbaren" Wohnraum -wie in Wien- die Preise bestimmen.
  • ....

Diejenigen, die Vermögenssteuer oder vergleichbare Instrumente fordern, können und sollten diese Instrumente in Betracht ziehen:

  • Vermögenszuwachssteuern von (Wohn-)Immobilien. Die Vermögenszuwächse bei (Wohn-)Immobilien werden besteuert. Die Steuer wird ermittelt und fällig bei jedem Verkauf. Dieses Geld würde dann u.a. für die Finanzierung obiger Maßnahmen zur Verfügung stehen.
  • Je nach persönlicher Neigung könnte diese Besteuerung bis zu 100 % dieser Vermögenszuwächse liegen.
  • Weiter verschärfend ist es denkbar eine "Rückwirkung" einzubauen, die bei richtiger Gestaltung verfassungskonform ist: Vermögenszuwächse bis zur Verkündung des Gesetzes sind nur dann von der Vermögenszuwachsbesteuerung befreit, wenn der Verkauf innerhalb einer gewissen Frist nach Gesetzesverkündung erfolgt ist.
  • Diese Maßnahme würde wahrscheinlich zu einer Welle von Verkäufen führen, die wie oben in die richtigen Vermieterstrukturen umgelenkt werden.
  • ....
  • Wichtig ist, dass bei diesen Maßnahmen darauf geachtet wird, dass diese nicht die Bautätigkeit einschränken.

 

Wer sehen will, wie man ideal ländliche Räume, die dabei sind zu veröden, wieder attraktiv gestaltet, der sieht hervorragende Lösungsansätze bei der Bürgerstiftung Pfalz! Dies kann man gerne mit obigen Maßnahmen kombinieren.

Wien ist Wien. Dort wurde etwas über einen sehr langen Zeitraum mit nicht zu vernachlässigendem Aufwand geschaffen, das es wohl in keiner Stadt dieser Größe in Deutschland gibt. Zwei Faktoren: Lange Zeit und Aufwand (also auch Geld). Beides kann man nur schwer durch irgendeine klug Idee ersetzen.

In Heidelberg gibt es z.B. die Bahnstadt, ein neuer Stadtteil der aus dem Boden gestampft wurde. Bin da nicht so drin, was ich so hörte war da auch viel die Rede von bezahlbarem Wohnen, nehme an, Genossenschaften kamen zu vergünstigten Konditionen an den Grund - so wahnsinnig viel macht das aber ohnehin nicht aus, und die Bauzunsen sind ohnehin nahe null, zumindest unter Inflation. Zu welchen Konditionen auch immer:  Die örtlichen Wohnungsbaugenossenschaften sind beteiligt und bieten dort auch Wohnungen zur Miete an. Die sind wenn überhaupt einen Eur/m² billiger, als der freie Markt für vergleichbare Objekte. Aktuelles Angebot (ist kein Ausreißer): 1420€ kalt für eine 110m² Wohnung, inkl. Heizung, Stellplatz und sonstigen Nebenkosten dann ~1820€ warm. Das ist ziemlich weit von den 8€ entfernt, die mancher Regionalpolitiker fordert. Bei Bestandsmieten können Genossenschaften unter 8€, auch in besseren Lagen (der Zustand dieser Wohnungen steht dann natürlich auf einem anderen Blatt. Bei Neubauwohnungen sieht es wohl so aus, wie in dem genannten Angebot, 13€/m². Und man braucht in den angespannten Märkten einfach Neubau. Die Differenz zu einem politisch gewollten Mietpreis von vielleicht 8€ (so richtig billig wäre das dann immer noch nicht mal, 1300€ warm für eine rel. normale 4-Zimmer Wohnung) wären 5€/m², und die müsste irgendwo herkommen. Dass der Staat oder eine Stadt bei einem Kredit von 0% verdient, halte ich für ein Gerücht. Der Kreditgeber trägt ja ein grundsätzliches Risiko (Kreditnehmer kann auch mal insolvernt gehen), hat auch Verwaltungskosten - das ist in öffentlicher Hand auch nicht unbedingt günstiger, als in der Wirtschaft. Es ist davon auszugehen, das alles, was die öffentliche Hand billiger anbietet, als der freie Markt, aus eigener Tasche zahlen muss, vielleicht etwas weniger, weil kein gieriger Geldsack beteiligt ist, vielleicht aber auch mehr, weil es weniger effizient ist. Zum Ausfallrisiko kommt auch das Zinsrisiko: Was macht der öffentliche Kreditgeber dann, wenn er in 10 oder 20 Jahren zu 2, 5 oder 10% Zinsen zahlen muss? Eine Neubauwohnung ist ein langfristiges Objekt, von 8€ Miete (von der auch Verwaltungs- und Reparaturkosten weggehen, ist gleich mal ein Euro) kann man in zehn Jahren keinen Neubau tilgen. Und Wenn die öffentliche Hand ein Grundstück an Genossenschaften verschenkt, fehlt das Geld in irgendeiner Kasse - heißt: Ist nicht da, z.B. für Kitas, Krankenhäuser, Schwimmbäder, sozialer Wohnungsbau, Straßen, ÖPNV, bedeutet u.U. Schließungen... oder muss durch mehr Steuern (oder weniger Steuererleichterungen) kompensiert werden.

5€ Differenz ist eine Stange Geld. 550€ pro Monat Subvention für eine normale Wohnung, in der dann vermutlich auch kein wirklich Bedürftiger wohnt (1300€ warm ist ja gar nicht mal so billig). Es ist auch nicht anzunehmen, dass das alles schnell ginge (also z.B. in zehn Jahren) und der Effekt dass der Wohnungsmarkt insgesamt abkühlt, und auch private Mieten günstiger würden, bald spürbar würde.

Bis das so vielleicht so weit wäre, gäbe es über Jahrzehnte die Situation, dass es die Alternative staatlich geförderte und günstige Wohnung zwar gibt, aber bei weitem nicht für jeden, der so ein Angebot gerne annehmen würde (also in etwa so wie bei Studentenwohnheimen - oder auch günstigen Genossenschaftswohnungen, da kann man auch über Jahre nichts bekommen). Wenn man dann nicht das Glück hat, so eine Wohnung auch zu bekommen, ist man gezwungen, auf den freien Markt zu mieten und 500€ mehr für seine 110m² zu zahlen, als der glückliche, der eine subventionierte Wohnung ergatterte, - darf die günstige Wohnung, die man nicht bekommt, aber durch seine Steuern mitsubventionieren - so richtig gerecht fände ich das auch nicht.
Der Einfluss auf den Mietwohnungsbau wäre aber wohl zu vernachlässigen - den gibt es praktisch nicht mehr. Einfach deswegen, weil sich das für Investoren nicht lohnt - Mieten, die als "Mietwahnsinn" empfunden werden zum Trotz. (Letztens im Radio wurde der Begriff "Mietwahnsinn" mit 4%, um die die Mieten seit 2015 stiegen, untermauert... Gesamtinflation war ja nicht wirklich niedriger).

Es gibt in der Frage wohl keine einfachen Lösungen. Neubau ist einfach teuer.

 

Zitat von Andre am 1. Februar 2020, 7:56 Uhr

hier noch mal der Punkt, um den es mir ging:

  • gut geführte Familienunternehmen in der Hand von Familien mit den richtigen Werten (die also § 14 GG sehr ernst nehmen und verantwortungsvoll mit ihren Unternehmen umgehen) und einer Bewertung des Familienunternehmens, die jenseits der Freibeträge liegen, sind betroffen. Alle anderen, die darunter liegen, sind, wie Du richtig festgestellt hast, ausgenommen.

Du führst eine Schattendiskussion. Erstens ist die Linke weit entfernt, die Macht zu übernehmen, zweitens würden die das niemals so umsetzen (können), selbst wenn Sie in der Regierung wären und drittens stehen jedem der in Frage kommenden Betriebe die Mittel zur Verfügung, das zu umgehen. Alex Fischer gibt dazu gerade 'ne Reihe Seminare und pumpt YT mit Werbung voll.

  • Untersuchungen zu Familienunternehmen, die von einer Familie (inklusive der Familien mit Werten eines typischen Investmentbankers, der in der dot.com Blase die Börsengänge begleitet hat) geführt werden im Vergleich zu Unternehmen, die von anonymen Investoren oder institutionellen Anlegern beherrscht werden, zeigen in den für die Gesellschaft wichtigen Punkten:
    • dass Familienunternehmen mehr ausbilden
    • höhere Gehälter zahlen
    • langfristiger ausgerichtet sind
    • etc.

Die Studie würde ich gern mal sehen. Und dann reden wir mal 5 Minuten über das Firmengeflecht eines Familienbetriebs namens Tönnies.

  • Diese Familien würden schlichtweg die Macht über "Ihre" Unternehmen verlieren, da für die überwiegende Anzahl dieser Unternehmen Ausschüttungen an die Familien, um die fälligen Vermögenssteuern zu zahlen, schlichtweg nicht tragbar sind (siehe obige Ausführungen).

Nur, wenn sie komplett verblödet sind. Dann gehen sie aber eh vom Markt. Hauptaufgabe eines Unternehmers ist es, sich in permanent veränderlichen Märkten und Gesetzeskonstellationen zu behaupten. Wer das begriffen und verinnerlicht hat, lässt sich auch nicht von 5% der Linken schocken.

  • Diese Familien haben mehrere Handlungsalternativen. Hier mal die m.E. realistischen Handlungsalternativen:
    • Verkauf an Investoren, die im Ausland sitzen und keine Vermögensteuerpflicht haben. Die einzigen Investoren, die ich kenne, die in dem dann notwendigen Umfange Kapital aufbringen würden sind vor allen Dingen Private Equity Häuser oder Investmentfonds bei Aktiengesellschaften. Die Frage ist, wollen wir das?

Stiftung? Änderung der Gesellschaftsform? Teilweise/größere Fremdkapitalisierung durch Banken für eigene Investitionen?

    • Wegzug dieser Familien ins Ausland, um so der deutschen Vermögenssteuerpflicht zu entgehen. Die Frage ist, wollen wir das?

Ich für mich habe diese Frage beantwortet: Die Linke ist nicht wählbar.

Wie gesagt, ich halte das für eine Scheindiskussion. Die Linke ist für mich aus ganz anderen Gründen nicht wählbar.

Dann noch ein Punkt, der von vielen Befürwortern der Vermögensteuer, die Beamtenstatus oder Angestelltenstatus haben, übersehen wird: Die Pensionsansprüche bzw. Altersruhgeeldansprüche sind Vermögenssteuerfrei und zwar in unbegrenzter Höhe. Der Selbständige/Unternehmer, der seine Altersversorgung in Form seines Unternehmens hat, hat einen Freibetrag von 1 Mio. Euro.

Wenn dieser Selbständige/Unternehmer die Absicherung unseres ehemaligen Bundespräsidenten Wulff, als er in den Ruhestand verabschiedet wurde und mit seiner Frau Bettina verheiratet war, eins zu eins nachbauen wollen würde:

Wulff wie Gauck sind Extrembeispiele, weil deren Ehrensold tatsächlich sofort und zu 100% steuerfrei ist. Das sind 2 Personen von +80 Mio., ergo nicht repräsentativ. Dass die Regelung für Bundespräsidenten und auch Berufspolitiker insgesamt nicht gut ist, unterschreibe ich - Neid auf Wulff muss mir aber erst noch jemand erklären. Mit dem möchte ich nicht für 5 Minuten das Leben tauschen, egal wie hoch seine Pensionsansprüche sind.

[...] Jetzt könnte man auf die Idee kommen und sagen, es gibt doch nur ein paar Ex-Bundespräsidenten.

Dies ist richtig, allerdings übersteigen auch die Werte, um eine Pension inklusive Beihilfeanspruch einer Grundschullehrerin bei Erreichen des Pensionsalters nachzubauen, die 1 Million deutlich!(stelle Interessierten gerne die Berechnung zur Verfügung). Wenn die Grundschullehrerin nur einigermaßen sparsam gelebt hat und ihr Leben lang in Aktien investiert hat, hat sie daneben eine weitere Million Euro Vermögen nach den Plänen der Linken vermögensteuerfrei.

Dann rechnen wir doch mal (grob, überschlägig). Mein Firmenwert liegt deutlich unter 1 Mio, meine absolute Sparquote liegt aber aktuell höher als das, was die Grundschullehrerin meiner Kinder überhaupt netto in Vollzeit verdient. Dazu kommen Buchgewinne, mein steuerlich begünstigter Auflösungsgewinn, weitreichende Steuergestaltungsmöglichkeiten sowie - sorry - eine höhere Versorgung aus der Versorgungskasse, sofern diese nicht vom Staat einkassiert wird. Ja, die Kosten für die Versorgungskasse muss ich selbst verdienen/aufbringen, aber das tut die Beamtin auch - es sei denn, man will das nicht erkennen. Die Tatsache, dass es auf ihrer ESt-Erklärung nicht auftaucht, ändert daran nicht viel. (Mir ist auch klar, dass ich für die Aussage Prügel beziehen werde, bleibt aber trotzdem richtig.)

Man kann's auch anders sagen: selbst wenn man eine Grundschullehrerin zu Vollkosten rechnen würde, liegt sie immer noch deutlich unterhalb eines Unternehmers aus der von Dir als gefährdet eingestuften Gattung.

Was Du hingegen vergisst, ist die Tatsache, dass man aus 1 Mio unbelastetem Firmankapital in 30 Jahren auch locker 1 Mio privat zur Seite legen kann. Da kommt die Grundschullehrerin normalerweise nicht dran und deswegen ist der Vergleich zumindest irreführend.

Interessant ist, dass diese klare Benachteiligung im Parteiprogramm der Linken von Unternehmern/Selbständigen zu Gunsten von Beamten und Angestellten übersehen worden ist. (Ja, ich glaube tatsächlich, dass die Verfasser des Programmes diesen Punkt nicht gesehen haben oder schlichtweg nicht nachvollziehen können, da die Berechnungen hierzu komplexer sind). Dies ist für mich erklärbar, da im Bundestag relativ zur Bevölkerung die Unternehmer/Selbständigen unterrepräsentiert sind und die Beamten überrepräsentiert sind.

Bezogen auf den Bundestag gesamt eine steile These. Formell sind das natürlich alle verbeamtete Berufspolitiker, viele aber Volljuristen/Diplomanden mit Dr.-Titel, 2. Staatsexamen und besten Verbindungen in die freie Wirtschaft - siehe aktuell Sigmar Gabriel, um nur ein klitzekleines Beispiel zu nennen. Und auch ein Oskar Lafontaine lebt nicht in der Hundehütte, Renate Künast und Gregor Gysi haben ihre Kanzleien im gleichen Haus. Von Fritze Merz mit Trend zum Zweitflugzeug in der gehobenen Mittelschicht will ich gar nicht erst anfangen.

 

Im ersten Moment denken wahrscheinlich alle an "die Grünen", wenn sie über Frugalisten hören. Das Konzept mit Sparsamkeit und Nachhaltigkeit passt auf jeden Fall zu den Grünen.

Vielleicht habe ich Frugalismus falsch verstanden. Ich lese aus vielen Beiträgen raus, dass man konsequent Parteien unterstützen sollte, die maximal wirtschaftlich denken und einem steuerlich möglichst stark entgegenkommen. Ich unterstelle mal, dass viele hier gar nicht das Ziel haben früher in Rente zu gehen und ihr Kapital zu verbrauchen, sondern eigentlich eher darauf aus sind, bis zum Lebensende ihr Kapital zu maximieren. Sei es aus Spaß, um es zu vererben, zu spenden,  um sich sicher zu fühlen, als Challenge oder was weiß ich.

Ich glaube, dass im Frugalismus auch ein bisschen Konsumverzicht aus Überzeugung steckt (stecken sollte?).

Wenn man 20 Jahre lang asketisch gelebt hat und seine Finanzen optimiert hat, fällt es bestimmt nicht leicht das Thema Finanzoptimierung beim Einstieg in die Frührente k0mplett ad acta zu legen. Wahrscheinlich möchte jeder selbsternannte Frugalist sein Vermögen gerne weiter mehren bis er in die Kiste hüpft.

Welche Partei ich wähle möchte ich nicht sagen. Ich bin gegen extreme Positionen, säkular und mir sind Trump und Putin zutiefst unsympathisch, vielleicht ergibt sich daraus dann meine Wahlpräferenz schon von alleine.

Zitat von Coffeehouse am 18. August 2020, 10:03 Uhr

Ich glaube, dass im Frugalismus auch ein bisschen Konsumverzicht aus Überzeugung steckt (stecken sollte?).

Wenn man 20 Jahre lang asketisch gelebt hat und seine Finanzen optimiert hat, fällt es bestimmt nicht leicht das Thema Finanzoptimierung beim Einstieg in die Frührente k0mplett ad acta zu legen. Wahrscheinlich möchte jeder selbsternannte Frugalist sein Vermögen gerne weiter mehren bis er in die Kiste hüpft.

Hallo @Coffehouse,

ob wir (meine Frau und ich ) als Minimalisten mit Tendenz zum Frugalismus unbedingt den Konsumverzicht leben glaube ich eher nicht. Wir verzichten ja nicht unbedingt, das würde ja auch bedeuten das uns was fehlt. Wir kaufen halt nur Dinge an denen wir wirklich Spaß haben und die uns wertig und nachhaltig erscheinen.

Wir haben die letzten 20 Jahre auch nicht unbedingt asketisch gelebt und jedes Wochenende unsere Finanzen optimiert. Gut wir haben gebaut und sind jetzt Vermieter, aber der Aufwand ist überschaubar, meist nur die jährliche Nebenkostenabrechnung(in den letzen 15 Jahren gab es zusätzlich gerade fünf mal Handlungsbedarf, 2x neuen Mieter und 3 mal kleine Reparatur die über die Versicherung gedeckt waren). Geldanlagen gibt es sonst nur als betriebliche Altersvorsorge in festgelegtem Umfang.

Ruhestand ist mit 55+ angedacht, also so in 1-4 Jahren, und Ziel ist dann nicht noch mehr Geld zu scheffeln (wird auch schwer) sondern von dem Erarbeiteten bis zur gesetzlichen Rente zu leben. Die ist Gott sei Dank nicht so schlecht und würde jetzt schon unsere monatlichen Ausgaben übersteigen. Wir müssen auch nichts hinterlassen, auch nicht als selbsternannte Frugalisten, da hast du glaube ich falsche Vorstellungen.

Ach ja, ich wähle Grün. Hat mit meiner beruflichen Qualifikation zu tun und bei den Grünen sehe ich da die besten Voraussetzung für meinen Job erhalt. Abgesehen davon ist das Parteiprogramm für mich derzeit das langfristig nachhaltigste. Und das obwohl wir Vermieter sind (mit sozialer Einstellung und nicht Gewinn maximierend unterwegs) und noch dazu Fleischesser (gelegentlich) sind.

Zitat von PeterKl am 23. März 2020, 10:17 Uhr

Im ersten Moment denken wahrscheinlich alle an "die Grünen", wenn sie über Frugalisten hören. Das Konzept mit Sparsamkeit und Nachhaltigkeit passt auf jeden Fall zu den Grünen.

Da würde ich doch widersprechen wollen. Die Grünen sind (in Teilen) sparsam und nachhaltig was die Umweltresourcen (allerdings s.u.) angeht, aber sonst auch nicht wirklich. Wenn ich nicht dafür sorge, dass wir endlich wieder mehr Marktwirtschaft haben und mehr Leute Lust haben in die Selbstständigkeit zu gehen, wird sich bei sinkendem Wohlstand nicht wirklich mehr, sondern weniger Menschen für Umwelt und Nachhaltigkeit interessieren.

Ich bin kein Fanboy der FDP - nur deren Überlegungen zum Klimawandel letztem Jahr sind bei der Bevölkerung und in den Mainstream Medien völlig untergegangen.

Allgemein sind die Grünen einer der Hauptverantwortlichen für die Radikalisierung der Gesellschaft und dem irrationalen Verhalten im hinblick auf die Kernenergie und dem völlig Fehldesign der Energiewende (Kernenergie im Verbund mit Ökostrom, was z.B. durch Bill Gates und andere propagiert wird, wurde aus ideologischen Gründen in D nie verfolgt.). Die Kosten dafür sind mehr als gigantisch, was nicht nur Impact auf die Möglichkeit von breiteren Bevölkerungsschichten hinsichtlich Teilnahme an FIRE hat , sondern gerade im Umweltbereich eine Fehlallokation der verfügbaren Ressourcen mit sich bringt.

Aber wenn selbst die Redaktionen von konservativen Mainstream-Medien (belegt durch Umfragen) mehrheitlich eigentlich Rot/Grün Anhänger sind, wundert einem das auch nicht wirklich, dass diese Diskussionen nicht den Raum eingenommen haben, der notwendig gewesen wäre.

So unterschiedlich können die Meinungen über die Grünen sein. Ich finde ihre Energiepolitik bzgl. gewünschter Beendigung von Nord Stream 2 zugunsten von amerikanischem Frackinggas fürchterlich und würde sie auch aus anderen Gründen nicht wählen. Den Atomausstieg halte ich dagegen für ihre größte politische Leistung, im positiven Sinne. Die Argumente wurden schon millionenfach ausgetauscht, darum nur in Kürze: a) Wir haben das Risiko katastrophaler Unfälle nicht im Griff. b) Es ist keine Lösung für eine sichere ind langfristige Entsorgung in Sicht. c) Atomenergie ist unwirtschaftlich, sobald man die realen Kosten inkl. Entsorgung und unbegrenzter Versicherung eventueller Schäden einrechnet. Punkt a) halte ich für lösbar, b) und c) nicht. Ich erkenne bei den Befürwortern auch wenig Willen, diese fundamentalen Probleme zu lösen.

Das Thema an sich ist auch putzig formuliert: Ich wähle ja keine Partei als Frugalist sondern als Bürger. Frugalistische Interessen sind nur ein Aspekt meiner Überzeugungen, und geben nicht den Ausschlag.

Ich geh jetzt auf die Punkte bzgl. Atomenergie nicht im Einzelnen detailliert eingehen, weil wie Du schon richtig geschrieben hast, dass in ein Ping-Pong endet und das sicherlich nicht auch der Fokus dieses Forum sein sollte. Kann nur jedem empfehlen, der sich darüber informieren möchte, im englischsprachigen (Science-) Umfeld zu informieren und man wird schnell merken, dass alle von Dir angesprochenen Punkte nicht zutreffen bzw. den Vergleich, auch zum "Ökostrom" (der Witz des Jahrhunderts, wenn man sich nur mal neutral informiert, wie viele Abfälle (auch stark belastende) in welcher Frequenz und Umfang anfallen. Und wohin man diese dann"entsorgt" ...aber dann sieht und hört man ja auch nix mehr davon und das dt. Gewissen ist beruhigt^^) nicht scheuen müssen. Im Gegenteil.

Sich geostrategisch an Russland zu binden, um die irrwitzige Energiewende mit Erdgas zu retten, das muss ich auch nicht näher kommentieren...da muss ich die Grünen als die einzige  "linke" Partei beglückwünschen, wie sie die SPD rechts überholt haben und bei der Aussen/Sicherheitspolitik inzw. nahe an der CDU und Vernunft ist.

Wenigstens bestehen gute Chancen, dass die SPD ab der nächsten Wahl in die Bedeutungslosigkeit verschwindet...ich gönne ihr es jdf. vom Herzen ^^

Richtig, dass ein zusätzlicher Versorgungsweg bei gleichzeitigem Bau von LNG-Terminals eine einseitige Bindung erzeugen soll, brauchen wir nicht ernsthaft diskutieren. Lieferverträge macht man dann bevorzugt mit Parteien, die einem nicht permanent mit Vertragsbruch und Sanktionen drohen.

Worauf wir uns wohl einigen können: Frugalisten gibt es in allen politischen Couleurs. 🙂

Ich bin Ingenieur und verdiene mein Geld u.a. damit, die Politik zu energiestrategischen Fragestellungen zu beraten.

Den nicht mehr vermeidbaren Klimawandel halte ich derzeit für die größte Bedrohung von Wohlstand auf diesem Planeten. Selbst wenn einem die menschlichen und ökologischen Schicksale kalt lassen, auch an den Aktienmärkten wird das vermutlich nicht vorbei gehen. Die Schäden soweit wie möglich noch halbwegs zu begrenzen und die Apokalypse (siehe Perm-Trias-Grenze) zu vermeiden sollte eine der höchsten Prioritäten überhaupt haben.

Kernenergie finde ich technisch spannend, als großer Fan der Raumfahrt hoffe ich sehr, dass ich den Aufbruch der Menschheit ins All noch erlebe. Ich bin dafür, weit mehr Geld in die Erforschung von Fusionsreaktoren zu stecken, wohl wissend, dass sie unser aktuellen Energieprobleme auf der Erde nicht lösen können, dazu kommen sie viel zu spät und sie sind viel zu teuer.

Die Kernreaktoren zur Stromerzeugung, die wir derzeit haben, die derzeit gebaut werden und auch die angedachten Reaktoren der Generation 4 halte ich für Deutschland für untauglich, ja sogar katastrophal untauglich.

Bei nahezu keinem dieser Reaktoren ist Deutschland in der Lage, im Falle einer weitgehenden Verbreitung des enthaltenen radioaktiven Inventars die Situation zu behrrschen. Wir haben dafür zwar die finanziellen Ressourcen, nicht aber den Willen, die entsprechenden Flächen langfrsitig aufzugeben, noch die rechtlichen Strukturen (z.B. Versicherung) und vor allem nicht die personellen Ressourcen bzw die Strukturen, Menschen einer solchen Lebensgefahr auszusetzen.

Während die großen Reaktoren unlösbare Sicherheitsprobleme haben sind die kleinen Reaktoren unglaublich teuer in der Stromerzeugung (zumindest gemäß Prognosen, gebaut wird sowas ja nicht) und haben teilweise Probleme mit Profileration von Material zum Bau von radioaktiven Bomben bzw Spaltmaterial. Auch die neuen großen Reaktoren erzeugen Strom derzeit weitaus teurer als neue Wind- und Solarkraftanlagen, auch bei Berücksichtigung der jeweiligen Systemintegrationskosten.

Auch die Kühlung der Reaktoren muss man an den Klimawandel anpassen, Flüsse fallen dafür weitgehend aus.

Kernenergie in Deutschland ist ein Geldvernichter und ist eine Katastrophe in Warteposition. Wenn wir da ohne Gau rauskommen können wir dreimal auf Holz klopfen. Bleibt natürlich noch das Müllproblem.

Sollte es eines tages ein Reaktorkonzept geben, das die o.g. Probleme nicht hat kann man ja durchaus weider umschwenken. Keines der diskutierten Gen 4 Konzepte bietet derzeit eine solche Lösung, vieles davon ist nicht mehr als "patentierte Phantasie" unter geschickten Verschweigen ungelöster technologischer Probleme und Verschweigen der potentiellen Mängel, während viele Leute glauben, das wären tatsächlich heute machbare Projekte. Es hst schon seine Gründe, warum Europa an drei EPR herum pfuscht/baut (zu katastrophalen Kosten) und keine Phantasiereaktoren.

MfG