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Vom widerwilligen zum freiwilligen Frugalisten?

Hallo Zusammen,

ich bin 44, Dipl.-Kfm., und ich habe mich vor 4 Jahren zumindest teilweise aus der Tretmühle ausgeklinkt.

Während meines BWL-Studiums habe ich ein Unternehmen mitgegründet, Start-Up-Wettbewerbe gewonnen und Venture-Capital erhalten. Problem war, dass 2003 infolge von Turbulenzen auch unser Unternehmen liquidiert wurde. S0 startete ich mit 30 und 150k EUR Miesen ins Berufsleben. 5 Jahre im Vertrieb, weitere 5 Jahre im Vertriebscontrolling, stets Kohle ran um die monatlichen Kredit-/Tilgungsraten von >1k EUR zu stemmen. 10 Jahre habe ich ganz ok verdient, aber fast wie ein Hartzer gelebt. Ein Auto gab es nur, wenn der Arbeitgeber einen Dienstwagen zur Verfügung stellte. Was ich aber nie habe schleifen lassen, war mein Sparen für die Altersvorsorge. 300 € mtl. in eine englische Lebensversicherung mit Aktienanteil habe ich selbst dann durchgehalten, wenn nur noch 100 € mtl. fürs Essen über blieben.

In diesen 10 Jahren hat natürlich auch mein soziales Leben gelitten - heute könnte ich mich dafür in den Hintern beissen. Die Erkenntnis, dass soziales Leben weniger mit Geld und mehr mit dem Selbstbildnis und Selbst-Verständnis zusammenhängt kam leider etwas zu spät. Wer 10 Jahre unter verschärften Bedingungen in der Mühle des Geld-Verdienen-Müssen hängt, wird irgendwann zu einem Getriebenen, dem es schwerfällt, zu entspannen.

Gegen Ende dieser Zeit stellte ich fest, dass ich in einem Job festhing, der zwar in Ordnung war, aber im Wesentlichen Dinge von mir verlangte, die mich anstrengten und die Dinge vernachlässigt, die mir lagen. Über ein Jahr arbeitete ich nach Büroschluss fast täglich daran, für mich eine Lösung zu finden. In dieser Zeit fiel auch die alte finanzielle Belastung von mir ab.

2014 kam dann die Kommunalwahl - und ich gewann ein kommunales und ein regionales politisches Mandat. Ich habe noch 6 Monate weiter als Vertriebscontroller gearbeitet und bin dann Vollzeit-Kommunalpolitiker geworden. Erstaunt habe ich festgestellt, dass Politik Ähnlichkeiten mit einer Selbständigkeit ohne Umsatzsorgen hat. Eigenes Büro, im Wesentlichen freie Zeiteinteilung, relativ wenige fixe Termine, Fokussierung auf Themen/Aufgaben, die einem liegen. Networking, im Branchenjargon: Antichambrieren, macht mir viel Spaß. Tatsächlich mache ich heute viel mehr als ich als Angestellter je gearbeitet habe - nur es kommt mir nicht wie Arbeit vor.

Aufgrund meiner Vorgeschichte waren meine laufenden Privatausgaben immer noch spartanisch niedrig. Aber der aufgestaute Frust musste raus: Warum kaufen Andere sich eine E-Klasse/Haus/Wohnung und ich fahre mit dem Fahrrad? Da habe ich mir auch einen PKW der ganz oberen Mittelklasse zugelegt. Wenigstens war ich so klug, ihn gebraucht zu holen und bar zu bezahlen. Oh, und Urlaube...da hatte ich Nachholbedarf. 3 Wochen China-Rundreise, das Jahr darauf 3 Wochen Südamerika, dieses Jahr Thailand. Aber das wird eher ein Spartrip.

Was die Finanzielle Unabhängigkeit betrifft, habe ich letztes Jahr ein Mehrfamilienhaus gebaut, dessen Mieterträge Kreditzinsen und Tilgung tragen. So werde ich in 17 Jahren gut von den Mieteinnahmen leben können.

Jetzt bin ich über die Artikel über Frugalisten gestolpert und frage mich, ob es wirklich sein muss, mein Geld für "Luxus" auszugeben. Ich könnte ja den Tag der finanziellen Unabhängigkeit etwas früher herbeiführen. Und mein überdimensioniertes Auto könnte ich eintauschen, vielleicht gegen ETFs?

Anderseits: Ich liebe meine jetzige Aufgabe als Kommunalpolitiker! Was kein Widerpruch sein muss...