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31J Frugalist mit Familie auf Reisen

Hallo zusammen,

bin hier, wie viele, schon länger stiller Mitleser und habe in letzter Zeit öfter die Meinung gelesen, dass es hier keine "echten" Frugalisten mehr geben soll, nur noch Ü50 Millionäre (überspitzt gesagt). Deshalb möchte ich hier mal meine Geschichte in den Ring werfen 🙂

Während meines dualen Studiums im habe ich etwa im Jahr 2017-2018 über den Finanzwesir sowohl das Investieren als auch den Blog von Oliver mit dem Thema Frugalismus für mich entdeckt. Beides hat mich seitdem nicht mehr losgelassen und ich praktiziere es bis heute. Gestartet habe ich am 1.1.2018 mit dem Investieren in ETFs, als die Steuerreform durch war mit meinem Vermögen von etwa 3500€. Ich habe immer versucht meinen sparsamen und studentischen Lebensstil möglichst lange beibehalten, auch als ich 2019 mein erstes richtiges Gehalt bekommen habe (zuvor gut 1000€ im dualen Studium, Sparrate vllt 30%) und habe dann immer über 50% (bei etwa 2500€ netto Einstiegsgehalt) gespart.

Sparsam war ich vor allem bei den großen Ausgaben: Meine Freundin (später Frau) und ich hatten immer kleine und günstige, aber zentrumsnahe Wohnungen (meist 2 Zimmer, einmal eine etwas größere, haben aber ein Zimmer als Airbnb vermietet, dadurch effektiv sehr günstig) und wir hatten bis heute nie ein Auto. Ich bin sowieso leidenschaftlicher Zugfahrer, das sind also nicht nur monetäre Gründe. Dafür gaben wir immer recht viel für Lebensmittel (im Vergleich zu Oliver), Cafébesuche und öfter für Urlaube aus (gecharterte Segelboote, andere Urlaube waren idR günstig da uns Hotelurlaub nicht so gefällt und fast nur in Europa). Wir kaufen alles, was möglich ist gebraucht und verkaufen wieder sobald wir die Sachen nicht mehr brauchen. Insgesamt versuchen wir immer uns im klaren zu sein welche Ausgaben uns tatsächlich glücklich machen (die wir dann auch tätigen).

Während Corona habe ich ein Fernstudium (Master im technischen Bereich) gemacht und konnte dann durch einen Jobwechsel mein Gehalt deutlich steigern (heute etwa 4500€ netto). Kurz nach Beendigung des Studiums ist auch unser erstes Kind auf die Welt gekommen, 2 Jahre später das zweite. Beim ersten Kind konnten wir dank sparsamer Lebensführung so viel Teilzeit und Elternzeit nehmen wie wir wollten ohne auf das Geld achten zu müssen. Nach dem 2. Kind haben wir unseren Traum umgesetzt, gemeinsam 2 Jahre Elternzeit eingereicht und ein Segelboot gekauft (48000€). Damit sind wir über die europäische Küste, Kanaren, Karibik, Panama-Kanal, Südsee bis nach Neuseeland gefahren. Dort haben wir das Boot verkauft und mit Stopp in Asien nach Hause geflogen. Unterwegs konnten wir durch ein frugales Leben die Kosten relativ niedrig halten ohne Abstriche bei den Erlebnissen zu machen (die meisten anderen Segler sind tatsächlich Ü50-Millionäre :D). Insbesondere haben wir alle anfallenden Reparaturen (sehr viele...) selbst durchgeführt (zum Glück hatten wir nichts so schwerwiegendes wo das nicht möglich gewesen wäre) und nach Europa viel kostenlos geankert statt in die Marina zu gehen. Verzichten mussten wir auf fast nichts, lediglich Galapagos haben wir aufgrund der extrem hohen Kosten übersprungen. Laufend haben wir im Schnitt etwa 2500€/Monat ausgegeben (ähnlich viel wie in Deuschland), ich habe auch eine Gesamtkalkulation gemacht, nach der die ganze Reise etwa 80.000€ gekostet hat (inkl. Differenz Kauf/Verkauf des Boots und Zubehör). Für uns war es das auf jeden Fall wert.

Jetzt haben wir aber erstmal genug von Abenteuern und Reisen und wir starten wieder in ein normales Leben, auch um den Kindern Stabilität während Schule und Kindergarten zu bieten.

Hier eine kleine Übersicht über mein Nettovermögen über die Zeit (nur mein Anteil, wir halten unsere Finanzen getrennt aber meine Frau hat auch bereits ein gutes Vermögen):

- 2018: 3.500€

- 2020: 21.000€

- 2022 : knapp 100.000€ vor dem Bootskauf, 75.000€ danach

- 07/2023 : 100.000€ erstmals überschritten (sehr geringes Einkommen, danke an die Aktienmärkte)

- 01/2024  : immer noch 100.000€

- 01/2025 : knapp 150.000€, nochmal danke an die Aktienmärkte

- heute: 175.000€

 

Ich muss dazu sagen, dass ich zwar in gewisser Weise passiv investiere (Prognosefrei in ETFs, weltweit gestreut), aber schon sehr aggressiv. Ich mische in meiner Anlage Konzepte aus dem Buch "Lifecycle Investing" von Ayres und Nalebuff sowie der GPO-Strategie von Andreas Beck. Das bedeutet, in meinem noch jüngeren Alter investiere ich in normalen Börsenphasen leicht gehebelt (etwa 120%). Wenn die Kapitalmärkte in einer Krise sind (gemessen an verschiedenen Kennzahlen, grob bei Drawdown 20%, Beck nennt das "Eigenkapitalknappheit" woran ich mich orientiere) erhöhe ich den Hebel, wenn das eskaliert erhöhe ich nochmal. Natürlich immer so, dass ein Margin-Call ausgeschlossen ist. Als Kreditvehikel verwende ich eine Mischung aus Bildungskredit (kein Margin Call möglich, steuerlich absetzbar und sehr lange Laufzeit), MSCI USA Leveraged ETF (seit neuestem genannt Amumbo 🙂 ), Wertpapierkredit bei Interactive Brokers (günstigster im Vergleich) sowie seit neuestem Short Box Spreads (günstiger als WPK - nur minimal über D Staatsanleihen, von KESt absetzbar). In höherem Alter werde ich die Hebel reduzieren und gegen Ende sogar Staatsanleihen/Tagesgeld beimischen. Ich gehe hier mal nicht weiter ins Detail da der Beitrag schon lang genug ist, empfehle aber das genannte Buch "Lifecycle Investing" wenn es jemanden näher interessiert. Als Notgroschen nutze ich den Dispo der HVB, da liegt man bei 3,x % mit valyou gold.

Jedenfalls hat diese Strategie (am Anfang noch etwas weniger ausgefeilt) gut im Corona-Crash, dem Bärenmarkt 2022 und auch in der kürzlichen Zoll-Krise funktioniert. Puffer war jederzeit ausreichend vorhanden. Dennoch empfehle ich natürlich nicht diese Strategie nachzumachen wenn man nicht ganz genau weiß was man tut und nicht gleichzeitig emotionslos in der Krise ist.

Ich habe auch noch eine Immobilie mit 100% Kredit direkt nach dem Studium gekauft (77.000€, 0,7% Zins), die plane ich aber zu verkaufen sobald der Gewinn nach 10 Jahren steuerfrei ist. Immobilien sind eher nichts für mich.

Mein Plan ist jedenfalls in den nächsten Jahren noch viel Teilzeit und Elternzeit zu machen, da ich wie Oliver gemerkt habe dass es wichtiger ist in den Jahren in denen die Kinder klein sind Zeit zu haben als früher in Rente zu gehen. Trotzdem strebe ich (wie es sich für einen Frugalisten den Medien nach gehört) an, irgendwann zwischen 40 und 45 ausreichend Vermögen zu haben um nicht mehr arbeiten zu müssen sollte ich nicht wollen. Die Lifestyle-Inflation hat aber auch bei uns etwas zugeschlagen, manchmal gönne ich mir heute auch ein 1. Klasse Ticket oder spare mir den Vergleich beim Kauf von günstigeren Produkten und so 🙂

 

Herzlich willkommen im Forum @flktre

Gute Vorstellung, klasse, hört sich toll an, was Ihr bereits alles unternommen habt. Stelle es mir gar nicht so einfach vor, nach einer solchen Reise wieder ein "bodenständiges" Leben in Deutschland zu führen, fiel Euch das eher schwer oder leicht?

Wert war es das auf jeden Fall, das kann Euch keiner mehr nehmen und Du wirst im Laufe der Zeit feststellen, dass Du Dich daran immer wieder gerne erinnern wirst. Wenn Eure Pläne aufgehen könnt ihr ab 40-45 wieder länger in die Ferne starten.

Alles Gute!

Hallo flktre,

ebenso herzlich willkommen! Du senkst den Altersschnitt, vielen Dank dafür 😉.

Hört sich sehr spannend an, schon viel erlebt und trotzdem ein ansehnliches Vermögen!  Alles richtig gemacht.

Halt uns weiter auf dem laufenden, und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel 😎.

 

Danke für die tolle Vorstellung.

Klingt richtig klasse! Alles Gute weiterhin.

Will ja nicht (positiv) rumpsychologisieren, aber wer so eine Weltreise geplant und erfolgreich umgesetzt hat, der braucht vor nix Angst zu haben.

Gut gemacht! Und weiterhin viel Erfolg bei den angesprochenen Themen.

Vielen Dank für die netten Worte 🙂

@konsument tatsächlich ist es uns überraschend leicht gefallen wieder in Deutschland anzukommen, wir genießen jetzt das komfortable, im Vergleich fast luxuriöse Leben in einer festen Wohnung deutlich mehr als zuvor. Endlich unbegrenzt Strom, Süßwasser, Lebensmittel und Internet und keine Salzwasserumgebung die alles korrodiert und zum schimmeln bringt! Natürlich schlägt die hedonistische Adaption auch hier wieder zu, man macht es sich in jeder Situation irgendwann bequem. Kinder sind sowieso unglaublich anpassungsfähig, fast von Tag 1 an waren die eigentlich komplett angekommen und haben den Sommer am Waldrand genossen.

 

Die Annehmlichkeiten des zivilisierten Lebens sind nicht zu unterschätzen und vieles, was wir als selbstverständlich ansehen, ist es in anderen Ländern nicht.

Bei uns in der Nachbarschaft in Thailand haben einige kein fließendes Wasser.

Umso besser das ihr die Tour in jungen Jahren unternommen habt, man wird doch bequemer mit dem Alter.

Kleines Update nach einem Jahr:

Wir haben ein weiteres Kind bekommen und leben weiterhin ein ganz normales Leben in einer Kleinstadt. Es zeigt sich allerdings, dass auch wir als Familie nun langsam nicht mehr der Lifestyle-Inflation entkommen werden. Einerseits sehen wir bei befreundeten Familien wie gut es ist mit Kindern im aktuellen Alter, einen Garten direkt am Wohnzimmer zu haben, wir versuchen also kurz-mittelfristig ein Reihenhaus/Doppelhaushälfte o.ä. zu bekommen (kaufen oder mieten, da sind wir offen wenn Objekt und Preis stimmt) und gleichzeitig in der unmittelbaren Umgebung zu bleiben. Außerdem werden wir um ein Auto nicht mehr ewig herumkommen. Und dann wird es natürlich durch 3 Kinder gleich ein größeres sein.

Wir planen, das 3. Kind mit etwa 2,5 Jahren in den Kindergarten zu geben, zuvor wechseln wir und ab mit den Elternzeiten (ich mache insgesamt 10 Monate Elternzeit und ein gutes halbes Jahr Teilzeit mit 16h), so dass wir jederzeit bis das Kind im Kindergarten ist maximal 100% in Summe arbeiten. In den Sommern dieses und nächstes Jahr machen wir jeweils 2 Monate gemeinsame Elternzeit um als Familie in Europa Reisen zu gehen (Segeln und Camping vermutlich).

Die Aktienmärkte haben sich seit meinem früheren Post unerwartet gut entwickelt, so dass sich mein Nettovermögen um etwa 85.000 in einem knappen Jahr erhöht hat. Aktuell sind meine Kredite auf einem Tiefstand da ich diese in Zeiten von All-Time-Highs getilgt habe. Ich werde so lange aus meinem Gehalt weitertilgen bis entweder ein Crash kommt (>20%) oder alle Kredite (außer dem Immo-Kredit) weg sind.

Hier nochmal zur Übersicht die vollständige Historie:

- 2018: 3.500€

- 2020: 21.000€

- 2022 : knapp 100.000€ vor dem Bootskauf, 75.000€ danach

- 07/2023 : 100.000€ erstmals überschritten (sehr geringes Einkommen, danke an die Aktienmärkte)

- 01/2024  : immer noch 100.000€

- 01/2025 : knapp 150.000€, nochmal danke an die Aktienmärkte

- 01/2026 : 205.000€

- heute (06/2026): 260.000€

 

Hier noch ergänzend eine Vermögensbilanz zum aktuellen Zeitpunkt:

Vermögen (etwa)

- Weltweit gestreute Aktien-ETF 274.000€

- Riesterrente (wird 2027 in ein AV-Depot mit ETF umgeschichtet): 5.000€

- Tagesgeld (2,5% Zinsen): 4.000€

- Vermietete Eigentumswohnung: 77.000€ (sehr konservativ bewertet)

 

Verbindlichkeiten:

- Immo-Kredit (0,7% Zins): 64.000€

- Wertpapierkredit (etwa 1,8%): 25.000€

- Sonstige Kredite (um 2-3%): 10.000€